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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
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rechte Verachtung gegenüber Niedrigem können spotten, wenn sie auch lieber schweigen. Schaden­freude hat Spott als liebste Waffe, ein Zeichen, daß er niederer Art ist. Zuweilen ist er aber nur eine Maske, hinter der ein recht trauriges, un­glückliches und aufgelöstes Gesicht steckt. Der Mensch ist wandelbar, nicht wie ein Engel. Die Ohnmacht ist ein beliebtes Ziel des Spottes, die echte menschliche, und die scheinbare göttliche. Gott in all Seinen drei Personen wurde verspot­tet, wird täglich verspottet. Warum fürchten die Mächtigen der Welt den Spott und den Spötter? Es wäre nicht einzusehen, wenn sie ihrer Macht sicher wären. Aber sie sind es nicht. In ihnen ist eine Ohnmacht, sei es auch nur in der Gestalt der Angst, daß sie ihre Macht verlieren könnten.

» Auf der Bank der Spötter«, von der die Schrift spricht, sitzen verlorene Seelen, Hasser Gottes und der Menschen und ihrer selbst. Aber auch da ist nichts endgültig. Sie können eines Tages auf­stehen, auf die Knie fallen und anbeten, was sie verspottet haben.

Der Ruhm der Welt vergeht wie ein Rauch. Das ist wahr. Aber auch das muß verwirklicht, reali­siert werden. Das heißt, einer muß diesen Ruhm auch erwerben und haben und dann erkennen, daß er nichts ist und seine Seele leer läßt. Nur dann ist der Satz Wahrheit. Der Ruhmlose sagt nur halb die Wahrheit, halb ist es Lüge. Auch das Nichts in dieser Welt muß sozusagen einen Leib bekommen. Alle Wahrheit in dieser Welt muß einen Leib haben oder bekommen.

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