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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Dächer, über denen sich hölzerne Türme mit unbeweg­lichen Bewaffneten erhoben, und er wußte auch, daß diese Begierde ihm fremd, aber unabweisbar war- plötzlich verstand er, daß all die fremden Gefährten um ihn her unter der gleichen Verzauberung standen und einer den anderen fester in diesen Bann schloß. Die unsichtbare Sonne schlug auf die Schläfen wie mit Fäusten ein. Ein erstickender Duft von Teer und Harz kroch schwer über den knirschenden Sand: der süße Geruch der Verzweiflung, der die Herzen überwältigt und den Verdammten die Sehnsucht nach Selbstver­nichtung einflößt.

Immer noch zuckten die Lippen vor ihm. Der Wagen hatte gehalten. Reichmann bewegte den Kopf von rechts nach links, von links nach rechts, noch einmal und noch einmal, als weise er eine Zumutung von sich. Er stand hastig auf. Fast alle waren bereits ausgestie­gen; er durfte nicht zu spät kommen. Sie standen eng zusammengedrängt vor dem Tor, das man für sie zur Hälfte öffnete, und zwängten sich hindurch, als eine rauhe Stimme es ihnen befahl. Reichmann hatte noch einmal zu dem Gendarmen zurückgeblickt, der ihn an­gesprochen hatte. Er stand neben dem Wagen. Seine Lippen bewegten sich, als flüstere er ein stupides Ge­bet. Reichmann begegnete einem langen Blick und ging durchs Tor.

Es gab gleich wieder einen Halt. Man notierte ihre Namen. Der Zehnte war der Unbekannte aus der Ecke, der einige Meter vor Reichmann stand. Eine Pause entstand. Der prüfende Beamte suchte in seinen Pa­pieren.

,, Sie heißen?"

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