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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Place and Date of Creation
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In jenem Sommer, der dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges voranging, betrat der Maler Hans Reich­mann gegen Mittag eine Bar am Boulevard St. Michel, schräg gegenüber dem Jardin du Luxembourg , den er eben ziellos durchschritten hatte. Die Schwüle war schon am Morgen unerträglich gewesen, die Geräusche der Straße klangen wie zersplitterndes Glas, die wenigen Passanten in dem gewöhnlich belebten Viertel stelzten wie an Drähten gezogen. Reichmann, auf seinen Ape­ritif niederstarrend, fühlte in machtlosem Ärger die Unentrinnbarkeit des verlorenen Tages, der vor ihm lag. Müde dachte er an die vergangene Woche, die er, einmal mehr Beute einer alten und gefährlichen Ge­wohnheit, in übermäßigem Weingenuß verbracht hatte. Seit einer Reihe von Jahren gehörte Reichmann zur keineswegs seltenen Gattung Ausschweifender, die man Quartalstrinker zu nennen pflegt. Arbeit und Genuß standen zueinander in geheimnisvoller, beglückend­quälender Wechselbeziehung, und zwei freiwillig unter­nommene Aufenthalte in Entziehungsanstalten hatten ihm nur bestätigt, was er bereits geahnt hatte: daß nämlich der Verzicht auf den Wein das Versiegen der Arbeitskraft nach sich zog. Später bedeutete er sich mit dem gleichen melancholischen Humor, der sein Ge­spräch mit Freunden bestimmte, daß Malen und Trinken nur zwei Spielarten ein und derselben Ausschweifung seien, er selbst aber, sofern er seinem Leben einen

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