Druckschrift 
Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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,, Herzog, Georges, geboren in Straßburg ."

Der Beamte sah auf. Er sah dem Unbekannten voll ins Gesicht, und Reichmann beobachtete, wie seine Lippen sich mit einer langsamen, schrecklichen Be­wegung auseinanderzogen und die Zähne freigaben. ,, Es nützt nichts, Moreau. Wir kennen uns schon. So einen guten Fang haben wir lange nicht mehr ge­macht. Du bist mehr wert als alle die Jüdchen zu­sammengenommen."

Das Antlitz des anderen zeigte keine Regung. Aber Reichmann wähnte es sterben zu sehen. Es starb eines allmählichen, heimlichen, strengen Todes, der vom Munde her langsam bis zur Stirn wanderte.

,, Ich heiße Herzog.'

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,, Halt dein Maul! Raustreten! Der Nächste!"

Sie wurden in die Baracken verteilt, nachdem man ihnen eine Decke in den Arm geworfen hatte. Über die polternden Laufstege verschwanden die Männer nach links, die Frauen und Kinder nach rechts, zwei menschliche Rinnsale, die von in Abständen postierten bewaffneten Wächtern nicht ohne eine gewisse bös­artige Höflichkeit in die gewünschte Richtung gelenkt wurden. Die nervöse Unruhe, die angesichts der im Vollzug befindlichen Trennung aufkam, zerstreute sich rasch, als sich herausstellte, daß der Stacheldraht, der die beiden Abteilungen voneinander trennte, an ei­nigen Stellen durch Verbindungswege unterbrochen wurde, über die man jederzeit zu Freunden und Ver­wandten im anderen Teil des Lagers gelangen konnte. Reichmann betrat eine Baracke einen sehr langen, halbdunklen Raum aus schmutzigweißen, splittrigen Latten, die außen von schadhaftem Teerpapier über­

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