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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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spannt waren. Das erste, was er wahrnahm, war das Summen unzähliger Fliegen, die über Wände und Schei­ben krochen und in dichten Haufen auf den zum Trock­nen ausgespannten Wäschestücken saßen. Die zwei­stöckigen hölzernen Bettstellen, in zwei Reihen mit den Kopfenden aneinandergestellt, ließen an den Längs­seiten des Raumes zwei Gänge frei, über die zu jeder Tageszeit rastlose Schritte schlurften. Die fahle Glut der Außenwelt gerann hier zu einer schwerflüssigen, sich verdickenden Masse, in der zahllose Gespräche immer rätselhafter, unzusammenhängender, unver­ständlicher wurden, bis sie schließlich im Ohr des da­hindämmernden Zuhörers eine drohende, unmensch­liche Bedeutung anzunehmen begannen.

Reichmann belegte einen freien Platz in der oberen Reihe, warf seine Decke über einen fleckigen Strohsack und bemerkte mit einer von Spott gestachelten Un­ruhe, daß er anfing, sich wohnlich zu fühlen. Schon? dachte er erschrocken, gedenkst du denn hier zu blei­ben? Und doch mußte er sich gestehen, daß die übel­riechenden Kleider und Schuhe, die auf Betten und Gängen verstreut umherlagen, daß die zerstoßenen, ungesäuberten Eßgeschirre auf den Strohsäcken keinen Abscheu in ihm erweckten. Widerstände waren ge­schwunden, ehe sie aufgerufen werden konnten, Ge­wöhnung hatte Platz gegriffen, bevor Prüfung und Einspruch sie hätten rechtfertigen können. Schon hatte man Namen erfahren, sich für Zuneigung oder Ab­lehnung entschieden. Schon sprach man einen ganz neuen Jargon mit nachlässiger Vertrautheit, belehrte man Neuankömmlinge über den geheimnisvoll ver­hangenen Tagesplan der Sinnlosigkeit. Ehe man wußte,

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