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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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einem Strom mitgewirbelt, der so stark ist, daß ich es nicht schaffe, aus ihm herauszukommen. Es ist, als sei ich nur ein Teil davon, ohne persönliche Existenz. 17. April 1945 Ich habe vergessen, zu erwähnen, daß Roosevelt gestorben ist. An einem Gehirnschlag. Damit ist wohl einer der größten Politiker und Staatsmänner der Welt gegangen, und zwar gerade, bevor er die größten und reichsten Früchte seiner Politik ernten konnte. Für die Friedenskonferenz wird Roosevelts Hinscheiden einen unersetzlichen Verlust bedeuten. Vielleicht würde er ein Balancefaktor sein, der jetzt fehlt? Vielleicht war er- besonders im Verhältnis zu Rußland - ein unersetzlicher Mann. Wir wollen hoffen, daß sein Nachfolger seinen Platz ausfüllen kann und daß nicht zu viele ‚kleine Leute Gelegenheit bekommen, im Trüben zu fischen!

18. April 1945

Die Front rückt näher. Heute vormittag haben wir Flieger- besuch gehabt, und ständig hören wir den Kanonendonner und die Maschinengewehrsalven. Die Flieger schossen einen Lastkahn in Brand, der einige Kilometer von hier entfernt liegt. Es ist im Grunde genommen kein Krieg mehr im üblichen Sinne des Wortes. Wir sind eher Zeugen einer kriegerischen Besetzung.

Täglich gehen große Gefangenentransporte hier weg. Wohin, weiß keiner. Man ahnt nur das Allerschlimmste. Der Rauch vom Krematoriumsschornstein, der sich noch immer schwarz und dick in den Himmel wälzt oder sich mit einem widerlichen Gestank über das Lager legt, erinnert daran, daß die ‚Ernte noch in vollem Gange ist, während gleichzeitig Kolonnen von Muselmännern auf dem Appellplatz aufgestellt werden und dann aus dem Tor hinausmarschieren- Richtung Eisenbahn. Sie werden in die Waggons hineingepfercht und bleiben stehen- oft Tage und Nächte, bevor sie abrollen. Wohin??

Wir hoffen, daß wir vor der Besetzung wegkommen, sonst kann es langwierig werden. Der nächste Transport geht

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