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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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die wir einige Jahre in einem Konzentrationslager verbracht haben.

Die Zeit unserer Leiden ist vorbei. Wir haben Anlaß, das wirk­lich zu glauben, und wir freuen uns darüber und sind den Schweden dankbar für ihren Einsatz, den sie für uns geleistet haben. Aber eines ist sicher: Wenn wir das Bewußtsein haben dürften, daß auch für die anderen Tausende etwas unternommen worden wäre, um ihre Leiden zu mildern, dann wäre unsere Freude größer und tiefer gewesen. Wenn wir jetzt alle die Ver­besserungen und Vorteile genießen, die man uns bereitet hat, ohne daß wir einen Finger dafür gerührt haben, dann emp­finden wir tief in unserem Gewissen ein verzehrendes Gefühl, daß wir dies eigentlich nicht verdient haben. Wir haben ja keine Not gelitten, jedenfalls die meisten von uns, die in Sachsen­hausen gewesen sind. Wir waren ja am günstigsten gestellt von allen Gefangenen und sind es die ganze Zeit geblieben. Wenn es gerecht zugegangen wäre, hätte den anderen Gefangenen ( den Russen, Polen , Ukrainern und Juden) zuerst geholfen werden müssen. Es gibt zwar auch Norweger und Dänen, die Not gelitten haben und dabei den anderen vollständig gleich­gestellt waren. Auch unter uns gab es verhältnismäßig viel Sterbefälle. Aber das alles vermag nicht das nagende Gefühl zu verjagen, unverdient und ungerechterweise anderen Leuten vorgezogen zu werden, Menschen, denen es viel schlimmer geht als uns, und die untergehen und sterben, während wir im Überfluẞ leben. Es geht ja hier schließlich um Leben oder Tod!

Die Kommission mit Bernadotte an der Spitze ging durch jeden einzelnen Block. Wir zogen sie überall mit hin und zeigten ihnen, wie wir leben. Sie hatten aufmunternde Worte für alle

Worte, die von Tausenden von hungrigen Seelen ver­schlungen und in ihren Herzen bewahrt wurden. Als die Kom­mission gegangen war, wurde alles, was sie geredet hatte, wieder hervorgeholt, besprochen und gedeutet- vergrößert und vertieft auf alle möglichen Arten.

Ich sprach mit Runberg über einige Teile, die wir nötig haben, um das Revier instand zu setzen. U. a. fragte ich, ob uns die Schweden Zement, sanitäre Anlagen, Chlor usw.

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