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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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wie es in den Betten aussah! Das Stroh war uralt, und die Woll­decken waren seit Jahren nicht ausgeschüttelt, geschweige denn gewaschen worden. Sie lagen wie steife Kuchen von Dreck in den Betten. Auf dem Boden und an den Wänden lag der Dreck in dicken, harten Schichten. Wenn man das Ge­bäude betrat, kam einem ein Gestank entgegen, von dem man sich keinen Begriff machen kann. In den Fluren, im Wasch­raum, im Treppenhaus, auf dem Abort, in den Sälen und in den Betten lagen Leichen herum.

Und jetzt sollten diese Menschen hinausgeworfen werden, damit das Lager mehr Norweger aufnehmen kann. Wir sollten nach ihnen einziehen. Die SS hatte tatsächlich die Absicht, uns einziehen zu lassen und uns alles zum Gebrauch zu über­geben so wie es war. Hinein in die Dreckkuchen, hinein in dasselbe Stroh, das jahrelang in den Betten gelegen hatte und voller Bakterien und Bazillen, voll menschlicher Ausschei­dungen war. Das ist eben eine besondere Art von Sauberkeit: Die Decken sollen glatt liegen und die Kanten wie Lineale so gerade sein. Auf den Decken darf nichts liegen, auch nichts unter den Betten. Ob die Decken Mist bedeckt oder etwas anderes, das interessiert niemanden wie ein Tanzboden. Ja, wenn auch Leichen unter den Decken liegen und verwesen, das ist vollkommen in Ordnung- wenn man sie nur nicht sieht.

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wenn die nur glatt sind

Das letztere erwähnte ich, weil wir während des Aufräumens Leichen fanden, die im Bettstroh versteckt waren. Bett­kameraden ,, hielten" die Leichen dort, um eine besondere Portion Suppe und eine zusätzliche Brotration zu erhalten. Sie zogen den Arm der Leiche hervor, wenn der Kalfaktor mit dem Essen kam, und halfen der toten Hand, die Schüssel und das Brot zu ergreifen. Diesen Trick kennt man von beinahe allen deutschen Konzentrationslagern, auch von Sachsen­hausen.

Die SS hatte sich jedoch verrechnet, wenn sie glaubte, daß Norweger und Dänen, die noch bei Verstand waren, sich zwingen ließen, einzuziehen und sich in diese Hölle von Dreck zu legen. Unsere Blockärzte übernahmen ohne Besinnen die

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