nicht viel Schlaf. Es war, als wenn die Reise, die unglaubliche Reise aus Sachsenhausen, bereits begonnen hätte. Jene Reise, von der wir Tag und Nacht geträumt, die wir uns auf hundert verschiedene Arten vorgestellt hatten. Wir lagen und starrten in das Dunkel, während die Gedanken eine Rundreise machten, sich absolut nicht zur Ruhe begeben wollten. Es gab so vieles, von dem man Abschied nehmen mußte, so vieles, an das man sich erinnern mußte, und vor allem so vieles, dem man entgegensehen konnte. Es wurde vier Uhr, halb fünf Uhr, und damit war es wieder mal Morgen. Es folgte der übliche Appell und Morgenbetrieb. Der Appell vor dem Kommandanten fand um zehn Uhr statt. Aufruf, alphabetische Aufstellung- zu fünfen! Seitenrichtung! Noch einmal das Übliche. Der Kommandant hielt eine Rede, nachdem er mit gesenktem Blick die Reihen entlang gegangen war. Anscheinend interessierte ihn das Schuhwerk am meisten- oder ob er vielleicht den Leuten nicht gerne in die Augen schaute? Er sagte, wir müßten gut angezogen sein. Keiner dürfe in Zebrakleidern reisen. Allen, die schlechtes Schuhwerk hatten, versprach er neues. Wenn es losgehe, müßten wir alle frisch rasiert sein und saubere Sachen anhaben. Wann das sei, könne er noch nicht sagen an einem der kommenden Tage. Morgens hatte er Bescheid geschickt, daß wir nicht mit den gewöhnlichen Gefangenenmützen reisen dürften( sie sind ähnlich wie Baskenmützen). Jetzt durften wir sie doch behalten zur großen Enttäuschung aller, die sich bereits andere organisiert hatten oder etwas herbeigeschafft hatten, was früher einmal ein Hut gewesen war. Im übrigen sollten wir uns hübsch benehmen, solange wir uns noch im Lager aufhielten, und die Disziplin des Lagers respektieren. Wir sollten mit Omnibussen abgeholt werden, von denen jeder dreißig Mann fasse. Das war alles, was er erzählte, und wir durften wieder auf unsere Baracken zurückgehen, wo wir also bis zur Stunde noch immer sind. Es ist schon Dienstag nachmittag geworden ohne das kleinste Zeichen zur Abreise. Die Zustände in den Baracken in diesen Tagen bedeuten eine einzige, lange Prüfung. Die Baracke ist Tag und Nacht brechend voller Menschen. Dort wird immer gegessen, immer gelesen, immer
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