Druckschrift 
Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
309
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kleiner Tommy, was soll aus dir werden! Elternlos, mit einem Gemüt, das zerspalten ist von den Schrecken, die er erlebt hat, mit Gedanken und Meinungen, die zynisch sind wie kaltes Metall, und zehn Jahre alt! Nein, man empfindet nur, daß man sinkt sinkt hinunter in eine bodenlose Ohnmacht. Keine einzige Seele kann man retten- nicht einmal verhindern, daß sie vor den eigenen Augen schonungslos getötet wird. Nicht einmal dann, wenn man sein eigenes Leben als Pfand gäbe- und alles, was man besitzt- nicht einmal dann...

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Glöersen hat mich untersucht. Es geht mir zur Zeit nicht be­sonders gut. Starke Bronchitis die tief steckt. Sonst nichts. Auch keine Arznei. Wenn ich atme, pfeift der ganze Brust­kasten. So geht es Erik auch. Aber was kann man daran machen? Nichts. Wenn man Fußtouren macht, ist es weniger angenehm. Man bekommt dann leichter Lungenentzündung, sagt Glör. Und bekommt man das, ist es wahrscheinlich aus- meint er.

28. Februar 1945

Und so kamen denn auch die letzten Tage des Februar. Der März ist der Frühlingsmonat und bringt uns doch in eine lichtere Zeit hinein. Churchill hat wieder gesprochen. Es soll jetzt bald zum letztenmal losknallen, hat er gesagt. Der Al­koholstrom vom Kfz- Depot fließt in unverminderter Stärke. Man erzählt sich, daß 52000 Liter von einer evakuierten Brannt­weinfabrik bei Breslau gekommen seien. Und das Lager trinkt, sowohl die Grünen als auch die Gestreiften. Ein Mann vom B- Flügel auf unserem Block starb gestern auf unserem Revier. Was er getrunken hatte, weiß ich nicht jedenfalls starb er daran. Und zu Hause hatte er Frau und Kinder. Herrgott!

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2. März 1945

Die Tage und Nächte sind voller Fliegerangriffe, und die Luftabwehrgeschütze hört man nicht mehr. ,, Das ist kein Wunder", sagte ein Zivilist hier ,,, denn die Soldaten sind alle an der Front. Die Flak wird von Frauen und Hitler- Jugend

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