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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
308
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Besonders die große Zehe habe sehr geschmerzt. Die ganze Haut und das Fleisch hätten weggenommen werden müssen, er­zählte er, und er sei so dünn gewesen wie-( er zeigte mir seinen dünnen kleinen Finger). Hier habe man den großen Zehen amputiert und den nebendran auch, und das habe sehr, sehr weh getan. Auch hier habe er viel geweint, aber jetzt war alles vorbei. Es waren Abschnitte einer merkwürdigen Geschichte aus all den Erlebnissen geworden, einer Geschichte, die er jetzt erzählen konnte. Seine kleinen Spielkameraden hatte er ver­loren. Sie waren alle mit Transporten irgendwohin weiter­geschickt worden. Aber hier seien viele Onkels, strahlte er, die alle so nett zu ihm seien, und jetzt gehe es ihm gut. Es ver­lange ihn nur so sehr danach, aufzustehen und gesund zu sein. , Warum denn", fragte ich ,,, du hast ja Zeit genug. Und solange du hier bist, bist du in Sicherheit!" Da schaute er mich beinahe mitleidsvoll an mit seinen großen, klugen Augen und sagte: ,, Ja, aber wenn dieses Lager evakuiert wird

دو

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was dann? Wenn

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ich dann noch hier liege und nicht laufen kann was wird dann mit mir gemacht?" Ja wahrlich, es würde nichts nützen, wollte man versuchen, diesen Zehnjährigen unter falschen Voraussetzungen zu trösten. Er sah klarer als mancher Er­wachsene und wußte besser Bescheid darüber, was in einem Konzentrationslager geschehen kann- jedenfalls mit Juden. Welche Summe schrecklicher Erfahrungen besitzt er doch! Was weiß er nicht alles über das Leben. Welche Gedanken muß er sich doch über seine Mitmenschen gemacht haben oder nach und nach bekommen!

Kann man nicht das Weinen dieses kleinen Jungen hören- aus der Tiefe des offenen Güterwagens, wo tote und sterbende Menschen zusammengestaut waren, wo keiner an andere als an sich selber dachte, geschweige denn an einen armen, kleinen, zehnjährigen Menschenwurm, der auf dem Boden des Wagens zusammengekauert lag und weinte? Kann man sich dieses grauenhafte Drama bei zehn und fünfzehn Kältegraden vor­stellen empfindet man es nicht als eine unausweichliche For­derung an sich selbst, alles zu tun, was man vermag, um zu ver­hindern, daß so etwas jemals wieder vorkommen wird? Armer

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