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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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,, Was hast du denn von all dem gedacht, Tommy?"

,, Bitte, ich verstehe nicht was meinen Sie?"

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( Er sagt ,, Sie" zu allen älteren Herren, beherrscht die Um­gangsformen vollkommen, ist höflich und wortgewandt.) Ich erklärte ihm, so gut es ging, was ich meinte, im Grunde ge­nommen meinte ich ja gar nichts. Was mochte dieses Kind gedacht haben? Er glaubte, ich wolle wissen, was mit dem ,, auf Leichen sitzen" gemeint sei, und versicherte mir, daß er niemals auf einer Leiche gesessen habe und daß er das auch nicht wolle. Ich fragte, ob sie in diesen Wagen eingeschlossen waren, oder ob sie beim Aufenthalt in den Bahnhöfen hinausgehen durften. ,, Ah, Sie meinen austreten!" Und er erklärte, daß dafür ein Loch im Wagenboden gewesen sei, das sie während der Fahrt benutzen konnten. Durch dieses Loch, so erklärte er, flohen auch viele. Fünfzehn aus dem Wagen, in dem er war. Die Wachen sagten nichts. Warum sollten diese Armen auch nicht solch eine verzweifelte Chance benutzen? Hunderte starben ja unterwegs vor Kälte und wurden über Bord geworfen. Diese hier konnte man ja auch als Tote ansehen- ob das nun jetzt oder später war. Groß würden die Chancen, ihrem Schicksal zu ent­gehen, auch in der ,, Freiheit" nicht sein. Juden ohne Essen und Kleider im heutigen Deutschland ! Ich fragte Tommy, wie viele unterwegs wohl erfroren seien. ,, Oh, viele, viele, min­destens tausend! Mindestens!" ,, Und du, Tommy, hast du auch gefroren?" ,, Furchtbar, ich habe auch furchtbar geweint. Aber meine Hände sind nicht erfroren!" Darüber ist er stolz und froh, und er zeigt sie mir, diese merkwürdigen, erwachsenen, nervösen Hände mit den langen sensiblen Fingern. ,, Aber meine Füße!" und er macht einige Grimassen, um zu zeigen, wie weh ihm die Füße getan haben. Er habe keine Handschuhe an den Händen gehabt und konnte sie auch nicht in die Tasche stecken, dafür sei es zu eng gewesen, erklärte er. Sie seien darum die ganze Zeit frei gewesen. Bei Heinckel war er auf das Revier gelegt worden mit den anderen Kindern zusammen und vielen, vielen anderen. Alle hatten Erfrierungserscheinungen. Auch dort habe er viel geweint, erzählte er ein wenig schelmisch- als wenn er von Streichen erzählte, die er angestellt habe.

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