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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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liche und Hoffnungslose eines solchen Planes bewußt wurde. Ich fragte ihn, ob er in diesem Buch auch gelesen habe. Nein, er könne nicht lesen. Und schreiben? ,, Kannst du mir bis zum nächsten Sonntag einen Brief schreiben?" Nein, auch schreiben könne er nicht, sagte er. ,, Aber deine Mutter lehrte dich doch sicher lesen und schreiben in Kielce ?" ,, Nein, darauf stand Todesstrafe, darum wagte Mutter das nicht", sagte er mit einem Lächeln. Wenn ich auch ziemlich abgehärtet bin durch dieses Leben hier unten und gewohnt, manches zu sehen und zu hören, so trafen mich diese kleinen lächelnden Antworten doch wie Bombenschläge. Das Kind, der Engel Raffaels, war Herr der Lage. Wir anderen mußten uns immer wieder zusammen­reißen und unsere Gedanken ordnen, um das Gespräch fort­setzen zu können, das dieses merkwürdige Kind dann wieder lächerlich machen oder ganz zerreißen konnte, nur durch ein paar kleine Worte oder ein Lächeln oder ein kleines, trillerndes Lachen. Aber in diesen Worten, in diesem Lächeln und in diesem hellen Kinderlachen lag gleichzeitig das ganze eisen­harte Grauen dieser Zeit, ihre Schrecken und ihre kalte Herz­losigkeit. Selbst das Elend der Muselmänner, selbst Prügel­strafen und der Galgen, selbst der schlimmste Terror haben nicht stärker auf mich gewirkt als dieser kleine Raffael- Engel mit seiner melodischen Kinderstimme, seinen schlichten Wor­ten, seinen offenen, zuversichtlichen, lächelnden Augen und mit seinen Händen- diesen merkwürdigen Händen.

20. Februar 1945

Heute kam unser zweiundsiebzigjähriger ziviler Chef hier auf ,, Herz As" und sagte, daß wir einige Kisten besorgen müßten, in die wir unsere Zeichensachen usw. packen könnten, weil wir nach Stettin übersiedelten. Wir brauchten aber nicht alles mitzunehmen, meinte er, denn in einigen Monaten kämen wir hierher zurück und sollten hier weiterarbeiten. Tatsächlich, das glaubte er! Der Vormarsch der Russen sei jetzt aufgehalten, sie würden nicht weiter vordringen. Wir sollten nach Stettin kommen, zwanzig Kilometer vor den russischen Linien, und

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