wahrscheinlich mit der Bahn. Der kürzeste Weg wird also zweihundertfünfzig bis dreihundert Kilometer weit sein. Ein Marsch von wenigstens vierzehn Tagen! Trainiert sind wir alle nicht, und die meisten( mit Ausnahme der Norweger und weniger anderen) sind unterernährt. Nach den Berichten von anderen Transporten wird das Essen wahrscheinlich knapp werden, und wie und wo wir nachts kampieren sollen, ist natürlich eine ebenso wichtige Frage. Wenn wir die Nächte unter offenem Himmel zubringen müssen, wird es katastrophal, naẞ und kalt, wie es jetzt draußen ist, und mit dem wenigen Bettzeug, das wir tragen können. Für die meisten sind es sowieso nur zwei einfache schlechte Decken. Es ist klar, daß auf alle Fälle viele sterben werden. Ein Deutscher sagte mir heute: Ein Drittel stirbt, ein Drittel macht sich davon, ein Drittel kommt an. Der Gedanke an die zweite Alternative drängt sich natürlich vielen auf. Es ist unterhaltend, sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen, aber gefährlich, und für Ausländer ist es ziemlich schwierig und gewagt, ihn in die Tat umzusetzen. Wenn es jedoch einmal passieren muß, dann muß es jetzt sein, während die Panik sich ausbreitet und alle Wege von Flüchtlingen vollgestopft sind.
Es ist klar, daß wir längst unsere letzten Pakete und Briefe von zu Hause erhalten haben. Von jetzt ab müssen wir warten, nur warten, bis Schluß ist. Für unsere Angehörigen zu Hause wird es in mancher Beziehung jetzt wieder am schlimmsten werden. Sie werden natürlich vom Schicksal des Lagers erfahren. Alle möglichen ängstlichen Gedanken werden kommen und natürlich fleißig mit den wildesten Gerüchten gefüttert werden. Die arme Kari! Es wird eine harte Zeit für sie sein. Aber das wird wohl auch gehen, auch das!
Es ist mehr als merkwürdig, hier herumzulaufen und zu wissen, daß dieser Abschnitt bald zu Ende ist, daß etwas Neues beginnen wird, etwas ganz Neues und Unerprobtes. Noch sind alle Möglichkeiten offen. Alles kann geschehen. Auch eine Totalvernichtung. Auch mit diesem Gedanken muẞ man sich vertraut machen.
Jetzt zu sterben, da es sich vielleicht nur noch um Tage
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