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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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SS- Mann im Kfz- Depot Wald, den ich schon von früher her als einen Menschen in Erinnerung habe, hatte meinen Kame­raden von seinen Erlebnissen erzählt, die er als Bahnwache hatte, als der letzte Transport ankam. Es waren Frauen und Kinder dabei, Tote und Lebende. Diejenigen, in denen noch Leben war, mußten herausgesucht und auf das Revier ge­schickt werden. Die Leichen wurden direkt in das Krematorium gebracht. Aber mit dem ,, Aussortieren" klappte es auf dem Bahnhof nicht ganz. Jedenfalls wurde vom Krematorium aus beim Revier angerufen mit dem Bescheid, man möchte eine Bahre bringen, da eine der Leichen noch am Leben sei!

Wenn ich dies alles höre und bedenke, daß sie zu Hunderten jeden Tag hier im Lager an Hunger und Kälte sterben, ohne daß jemand wirklich darauf reagiert, ja, ohne daß jemand es überhaupt außergewöhnlich findet, dann kann ich mir vor­stellen, daß dies überhaupt niemand glauben wird, wenn wir davon einmal erzählen werden. Ihr übertreibt, werden sie dann sagen, es ist unmöglich! Die Deutschen sind doch ein Kultur­volk! So etwas kann doch gar nicht vorkommen!

Ein betäubender Schrecken geht über uns hinweg, und mit Grauen sehe ich das alles nur als einen Anfang von dem, was noch kommen wird. Denn nicht nur Gefangene erfrieren. Die deutsche Zivilbevölkerung geht dem gleichen Schicksal ent­gegen. Die Städte im Osten werden zwangsevakuiert, und die Bevölkerung wird allmählich herüberströmen wie eine Flut­welle. Es ist uns gesagt worden, daß jede Baracke siebenhundert bis tausend Gefangene wird aufnehmen müssen. Das ist un­möglich, wird man sagen. Wir sind heute vierhundert auf jedem Block und es herrscht schon Überfüllung. In den Nor­wegerbaracken liegen durchschnittlich drei in zwei Betten, und vier Betten stehen übereinander. In anderen Baracken ist es noch schlimmer. Allein die Vorstellung, daß die Belegschaft sich vielleicht mehr als verdoppeln wird, ist der reinste Wahn­sinn. Und dabei haben die Norweger alle möglichen Vorteile. Die meisten besitzen Schlafsäcke, und alle haben genug zu essen. Nun stelle man sich diejenigen vor, die nicht mehr als zwei fadenscheinige Lumpen von ,, Wolldecken" haben, keine

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