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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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دو

blick dieser Menschen, während sie essen, und auch nachher ist allerdings nicht auszuhalten. Es ist nur so unendlich wenig, was man tun kann, um zu helfen.

Wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, muß man ge­stehen, daß traurig wenig von jenem sinnlosen Überfluß, der in den Norwegerblocks herrscht, weggegeben wird ohne Gegenwert. Man handelt und, organisiert", man verschenkt nicht. Auf diese Weise sind es nur die ,, Lebenstüchtigen" und , Geschickten", die etwas bekommen, diejenigen, die stehlen können für jene, die es nicht wagen, sondern es für sicherer halten, mit einer Büchse Sardinen, einem Happen Speck oder einem Stück Käse zu bezahlen. So bekommen sie das, was sie wünschen, auf ganz bequeme Art. Der Ukrainer ist es, der Russe, der Pole, der das ganze Risiko auf sich nimmt, entdeckt und bestraft, wenn nicht gar gehenkt zu werden. Den norwe­gischen Besitzern von Sardinen, Speck, Käse, Butter, Wurst, Tabak und allen möglichen anderen Herrlichkeiten, die das Leben hier unten erträglich machen, geschieht nichts. Sie ver­dächtigt keiner. Nein, unser Ruf ist in dieser Beziehung der­art gefestigt, daß unsere Schränke nicht untersucht werden, wenn man nach Gestohlenem fahndet, unsere Person wird nicht angetastet. Es heißt, Norweger stehlen nicht. Und sollte es ein­mal vorkommen, daß ein Norweger auf frischer Tat ertappt wird( und es ist schon vorgekommen) beim Stehlen oder ver­botenen Rauchen während der Arbeitszeit, und er im Lager ge­meldet wird, dann bekommt er keine Schläge mit dem Knüppel wie die Ukrainer, die Polen , die Juden oder die Russen. Nein, dem Norweger geschieht in der Regel nichts. In ganz seltenen Fällen wird ihm ein Aufenthalt in Nr. 38 angewiesen, aber auch dort wird er anders behandelt als die anderen Gefangenen, die man ständig schlägt. Die Norweger werden nicht mehr ge­schlagen. Früher war das anders, in der ,, harten Zeit", aber da bekamen die Norweger auch keine Pakete. Und diese Pa­kete sind es der Speck, die Wurst, die Sardinen, der Käse und der Tabak, die mehr als alles andere den Norwegern eine Sonderstellung verschafft haben. Daß sie ,, Arier" sind und zwar besonders Reinrassige, rangiert erst in zweiter Linie,

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