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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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macht sich der Mangel an Kohlen geltend. Das Ruhrgebiet wird bald verlorengehen, und wenn Oberschlesien noch weg­fällt, dann hört es wohl auf mit den Kohlen. Und dann? Ja, Gott weiß, ob sie sich nicht auch dann noch mit Ach und Krach halten können.

29. November 1944

Dieser Tage bekamen wir ein ,, Schwedenpaket", und damit brach der Wohlstand wieder aus in unserem Spind. Aber das Kari- Paket bleibt aus, darum ist die Tabaknot groß. Das Wetter ist besser geworden, es sollte darum eigentlich ,, Offen­sivwetter" sein- aber die Meldungen sind eher zahmer ge­wesen als sonst. Die Tragödie, die sich in Nordnorwegen ab­spielt, muß entsetzlich sein. Es scheint, daß sie tatsächlich vorhaben, ganz Nordnorwegen zwangsweise zu evakuieren und im Zuge ihres Rückmarsches vollständig brachzulegen. Die Berichte melden, daß sie die Leute nach kurz vorher er­folgter Ankündigung zwingen, fortzugehen. Diejenigen, die nicht gehen wollen, werden erschossen, heißt es. Das mag etwas übertrieben sein. Es mag hoffentlich ebenfalls übertrieben sein, daß die Gehöfte und Häuser nach und nach abgebrannt wer­den, oft, bevor die Einwohner Zeit gehabt haben, wegzu­kommen. Das ganze Vieh wird natürlich abgeschlachtet.

Ich war gestern auf dem Schonungsblock und besuchte einen Freund von Keil, einen ungarischen Juden aus Paris . Ingenieur, intelligent und sympathisch. Er kam hierher aus der Hölle von Auschwitz , wo er durch einen bloßen Zufall der Gaskammer entkam. Auch sein Vater und seine Mutter kamen nach Auschwitz , aber er wußte das nicht und bekam sie nie zu sehen dort. Sie gingen von der Eisenbahn aus direkt in die Gaskammern. Später erfuhr er was geschehen war, und die letzten Worte des Vaters wurden ihm wiedergegeben: ,, Ach, wenn ich doch nur etwas über meinen Sohn wüßte und ob er noch am Leben ist!" In jenem Augenblick befand sich der Sohn kaum zweihundert Meter entfernt, aber nicht lange da­nach war der Vater tot. Er war der einzige Sohn. Sechzehn Mit­glieder der Familie starben in Auschwitz . Er erlebte und durch­

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