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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
211
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er richtete sich immer wieder auf. Das Leben rief ihn, die Schön­heit in jedem einzelnen Wesen bezauberte ihn immer wieder und gab ihm Kraft und Lebensmut. Seinen Glauben an die Menschen und an das Leben verlor er nie. Welch einen Reich­tum muẞte er doch in sich getragen haben, in seinen Gedanken, daß er so viel mehr leisten konnte als andere.

Etwas Neues kann ich anläßlich dieses Tages nicht berichten. Im Lager läuft alles wie immer. Einige Prügelszenen. Es ist längere Zeit niemand mehr erhängt worden.

13. Oktober 1944

Karis Geburtstag! So sicher hatten wir damit gerechnet, daß wir an diesem Tag zusammen sein würden. Einmal gab es keinen Zweifel darüber. Dieser Tag lag wie ein Licht irgendwo in der Zukunft. Jetzt ist er das nicht mehr. Vor uns wölbt sich ein bleigrauer Unglückshimmel- neue Wolken rollen von allen Seiten heran nur weit hinten leuchten die tausend Sterne der Jahre, die vergingen. Der Tag glüht und brennt und wird zu einer beißenden schweren Sehnsucht, und die Gedanken be­stürmen das Gemüt. Die Schrecken draußen und hier drinnen werfen sie zur Erde. Die Notschreie hunderttausend Unglück­licher erfüllen die Welt. Man hat das Gefühl, daß man langsam von blutroten Flammen verzehrt wird, die niemand löschen kann. Sie fassen alles, was brennbar ist, und ziehen es hinein in das Feuermeer. Ab und zu meint man, daß man es nicht länger aushalten könne, daß man ersticken müsse. Man sieht vor sich die angstzerquälten Gesichter der zum Tode Ver­urteilten der Erhängten gläsern starrende Augen- den hoff­nungslosen Blick der Ausgehungerten aus dunklen Augen­höhlen oder das gleichgültige, rohe Gelächter derjenigen, die längst aufgegeben haben und die untergegangen sind. Tod und Teufel! Tod und Teufel!

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Und heute ist dein Geburtstag, Kari! Ich muß unwillkürlich daran denken, daß er in diesem Jahr auf einen Freitag fiel. Freitag den Dreizehnten- konnte man davon etwas anderes er­warten? In diesem Überfall von Unglück und Elend kommt auch alter Aberglaube zu seinem Recht.

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