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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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gegnen. Er muß es schon wahrheißen, daß alle diese Möglich­keiten da sind, er bringt es nur nicht fertig, herumzulaufen und sie zu glauben. Dann wäre es nämlich nicht auszuhalten. Was soll das eigentlich heißen, auf das Schlimmste vorbereitet sein? Das ist doch wohl nur eine Redensart. Ein jeder, der überhaupt dachte, mußte doch wohl einsehen, daß das Schlimmste ein­treffen könnte. Man kann an Lungenentzündung sterben, an Flecktyphus, an Geschwüren, ja auch an Hunger. Was wissen wir überhaupt davon, was in dieser Beziehung eintreffen kann, ehe es ein Ende nimmt? Man mag denken und denken, Logik und Vernunft anwenden, soviel man will, man kommt doch nicht weiter. Letzten Endes kommt es auf einen selber an, auf den eigenen Lebenswillen, darauf, wieviel Licht man im Gemüt hat, wenn es gilt ,,, vorbereitet" zu sein. Vielleicht ist doch der­jenige am besten vorbereitet, der den Blick fest gegen aufgang gerichtet hält.

Sonnen­

So denkt der Norweger, aber er hält es nicht für erwähnens­wert. Er will auch Peter nicht verletzen, denn er versteht, daß dieser etwas von seinem Lebenswillen und von dem Licht in seinem Gemüt verloren hat und nun dasteht mit einem blu­tenden, leidenden Herzen und einer stillen Resignation. Er mag den Norweger ein wenig beneiden und halbwegs verwun­dert sein über den Unterschied zwischen jenem und ihm. Es wird nicht mehr viel zwischen ihnen gesprochen- es gibt auch nicht mehr viel zu sagen. Sie ziehen die Augenbrauen hoch, schlagen die Arme auseinander und zucken die Achseln alle beide, formen ein lautloses ,, Ja" und lächeln- jeder auf seine Art, jeder mit seinen Gedanken.

10. Oktober 1944

Wieder mal Vaters Geburtstag! Heute wäre er dreiundachtzig Jahre alt geworden. Wenn er noch leben würde, wäre er wohl jetzt ein gebrochener Greis. Er wurde nie zum Greis, und all das Unglück, all das Elend, das ihn umgab, alle die schweren Enttäuschungen, die er erlitt, vermochten nicht, ihn zu brechen. Müde und mutlos konnte er wohl werden, und es gab Zeiten, da schien es, als wenn er versänke in Hoffnungslosigkeit, aber

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