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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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,, Du meinst mit uns?"

Peter nickt. Der Norweger wird gedankenvoll. Er versteht, was Peter meint.

,, Aber was für einen Vorteil können sie denn davon haben, daß sie uns töten?" sagt er plötzlich. Der Gedanke ist ihm ja nicht neu. Er wurde Abend für Abend von ihm heimgesucht, wenn er dalag und zu schlafen versuchte, wenn das Licht er­loschen und das Ruhesignal ertönt war, wenn er in den Schlaf­sack hineinkroch und gleichsam versuchte, diese fürchterliche Wirklichkeit auszuschalten und in eine andere hineinzu­schlüpfen, in der alle seine Lieben waren und die Hoffnung darauf, mit ihnen zusammen sein zu können. Noch einmal denkt er diesen Gedanken durch, während er auf Peters Ant­wort wartet. Sollte er denn nie mehr nach Hause kommen? Nie mehr sie und die Kinder wiedersehen? Nie mehr, nie... Sterben jetzt, so nahe am Ziel? Nein, nein, tausendmal nein! Das kann nicht geschehen. Und doch, welche Rolle spielt das im Getriebe der Welt, ob auch er wegblieb, er und ein paar tausend Gefangene mit ihm? Gar keine Rolle spielt das! Es wäre nur ein neuer kleiner Abschnitt in jener Tragödie, die täglich mit Blut und Tränen geschrieben wird. Und das Leben würde weiterjagen wie bisher... Einen Augenblick lang ist es, als wenn dieser Untergangs gedanke ihn ergreifen würde und herunterziehen, aber dann kommt irgend etwas in seinem Innern ihm zu Hilfe. Aus einem heimlichen Quell beginnt Licht in sein Gemüt zu strömen, er wird erfüllt von einem zit­ternden Glücksgefühl, das ihn ganz packt und ihn zu zer­sprengen droht. Erklären kann er das nicht, er steht nur da und fühlt, daß es so ist. Jetzt kann Peter wiederkommen!

,, Findest du, daß es leicht ist, die Vorteile zu erkennen bei dem, was Deutschland heute unternimmt?" sagt Peter. ,, Die Vorteile, die darin liegen, einen vollkommen hoffnungslosen Krieg weiterzuführen? Was sind denn das für Vorteile? Nein, dieses Stadium ist längst durchschritten. Sie werden jetzt durch andere Dinge vorangetrieben. Du mußt bedenken, daß es tod­geweihte Männer sind, die heute die Macht in Händen haben in Deutschland , Männer, die einsehen, daß ihr Spiel verloren, für

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