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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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fortzuschaffen und in Sicherheit zu bringen, falls ,, etwas" ge­schehen sollte. Die Schreinerei ist in letzter Zeit damit be­schäftigt gewesen, solche Koffer anzufertigen. Selbstverständ­lich ist das Schwarzarbeit.

Wir wetten jetzt, ob es wohl in diesem Monat zum Waffen­stillstand kommen wird oder nicht. Es gibt nicht viele, die zu wetten wagen, daß er nicht eintreten wird. Man hat tatsächlich Anlaß zu glauben, daß dieser Monat das Ende bringt. Kann das möglich sein? Ich wage nicht, daran zu denken. Kari, Kari! Kann das möglich sein?

Hier im Lager hat sich die ,, Taktik" geändert. Es wurde uns neulich feierlich mitgeteilt, daß es wieder erlaubt sei, Essen zu verschenken- auch an Ostleute. Von wem oder von welcher Stelle dieser Befehl herrührt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich vom Kommandanten oder vom Lagerführer, die der Sonder­kommission und ihren Trabanten wohl gerne einen Streich spielen. Gleichzeitig sieht es aus, als wenn die Aktion gegen die norwegischen Kommunisten zu Ende sei.

7. September 1944

Gestern wurden wieder zwei Mann beim Abendappell er­hängt. Es scheint jetzt modern geworden zu sein, zwei auf einmal am gleichen Galgen zu hängen. Es sieht wohl doppelt abschreckend aus. Diesmal war der Strick zu kurz, besonders der eine. Er fiel nicht viel mehr als einen halben Meter. Es war entsetzlich anzusehen. Der Nacken brach wahrscheinlich nicht, und der Gehängte trampelte und tobte mehrere Minuten, bevor er endlich erstickt war und es stille wurde. Der andere starb anscheinend schneller, aber er fiel auch einen halben Meter länger, bevor der Strick sich strammte. Diese ,, Unfälle" scheinen beabsichtigt zu sein. Man wird dazu gezwungen, das zu glauben. So oft macht man keine verhängnisvollen Fehler bei Hinrichtungen. Aber wenn man einem Todeskandidaten fünfzig Stockschläge gibt, bevor er erhängt wird, dann braucht man ja in bezug auf Roheit sich über nichts mehr zu wundern. Es ist unheimlich, wie wenig das einen allmählich beeindruckt.

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