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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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Gestern beim Abendappell wurden zwei Mann auf einmal am gleichen Galgen erhängt. Es waren Polen . Sie hatten in einem Keller, in dem sie arbeiteten, etwas Essen gestohlen. Das war alles. Und wie waren sie doch unterernährt! Aber sie waren Ostleute- minderwertig und gefährlich. Und man hatte eine neue ,, Vorstellung" nötig. Auch diesmal war ein Fehler am technischen Apparat. Die Stricke waren zu lang. Sie kamen nach dem Fall mit den Beinen auf die Erde. Der eine starb nicht, man lief hinzu und versuchte, ihm die Holzschuhe aus­zuziehen, und als das nicht gelang, hob der Büttel ihm die Beine hoch. Das Opfer wurde blau im Gesicht, und es sah aus, als wenn es die schrecklichsten Qualen ausstand, ehe es starb. Wir wollen hoffen, daß beiden der Nacken beim Fallen doch brach und daß es sich bei dem einen nur um Krampfbewegungen handelte.

Auch diese beiden wußten noch nicht, daß sie erhängt wer­den sollten, bevor sie mit ihren Wächtern ankamen und den Galgen sahen. Der eine brach aus: ,, Mein Gott, mein Gott!"; der andere rief: ,, Auf Wiedersehen, Kameraden!" und schaute hinüber in die Reihen, wo sie standen, schweigend- Tausende von Kameraden. Tapfer bestiegen die beiden das Schafott und ruhig gingen sie in den Tod, ohne Widerstand zu leisten, ohne Zeichen irgendeines Zusammenbruchs. Sie waren junge Bur­schen, alle beide. Den meisten unbekannt. Jetzt sind zwei we­niger in der Reihe der vielen, vielen Hunderttausende.

Der Lagerführer und noch einer, ein Gefangener, der ge­fürchtete dicke Lager älteste der Sonderkommission und An­geber Kunke, wurden während dieser Szene in munterem Ge­spräch beobachtet. Der Lagerführer hatte sogar auf den Galgen gezeigt, wo die beiden hingen und wo man gerade ihre Beine vom Erdboden hochhob. Dabei hatte er irgendeine Bemerkung gemacht, die anscheinend bei den beiden Heiterkeit erregte. Sie waren mit der Vorstellung zufrieden- offensichtlich. Wir? ja, wir gingen zu unserer Abendmahlzeit, und wir müssen im Interesse der Wahrheit bekennen, daß uns das Essen genau so schmeckte wie sonst. Dann hörten wir uns den Wehr­machtsbericht an draußen auf dem Platz beim Lautsprecher,

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