29. August 1944
Der Terror auf Nr. 58 rast weiter. Ein Opfer von dort ist auf das Revier gebracht worden. Es hat vierhundert Schläge bekommen, und seine Schenkel und seine Sitzfläche sind derart zerstört, daß man sie hat entfernen müssen- wegoperieren. Man hatte ihm das Fleisch buchstäblich von den Beinen weggeschlagen. Er war wahrscheinlich Kommunist und hatte außerdem Russen und Ukrainern zu essen gegeben. Jetzt geht er seinem Schicksal entgegen, seinem Urteil von seiten jener Kulturträger, die dabei sind, Europa vom Kommunismus zu befreien! Das Herrenvolk! Gottes Auserwählte!
30. August 1944.
Weit hinten im Nebel beginnt das Gespenst des Winters wieder Gestalt anzunehmen. Heute haben wir den ersten richtigen Herbstmorgen erlebt. Kalt und neblig, kein Frostnebel, aber ein beinahe frostblauer Morgennebel, über dem sich hoch oben ein Sternenhimmel wölbte. Bei jedem Morgenappell kann ich jetzt meinen Stern erblicken( ich glaube, alle haben ihren besonderen Stern, auch ich habe meinen), bis wir zur Arbeit hinausmarschieren, dann verschwindet er im Sonnenlicht. Die Nächte werden länger und länger, bald werden sie uns bis auf den Arbeitsplatz begleiten und uns wieder entgegenkommen beim Abendappell. Jetzt ist bald ein Jahr vergangen, seit ich hierherkam. Nur ein Monat fehlt noch. Sollte der Monat der entscheidende werden? Sollte er die unbegreifliche Nachricht bringen? Die Nachricht, die man kaum auszusprechen wagt!
31. August 1944.
Heute ist der letzte Tag des fünften Kriegsjahres. Auch das ist ein Anlaß zu wehmütigem Nachsinnen. Fünf Jahre haben die Menschen gegeneinander gerast, alles niedergetrampelt und all das Böse in sich entwickelt, all die Teufelei. Fünf ganze, lange Jahre, und es soll noch länger dauern. Morgen beginnt das sechste Jahr. Als der Krieg anfing, hielten wir es für un
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