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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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liche Zustände, wenn man bedenkt, daß tagsüber und auch nachts eine tötende Hitze brütet. Die Luft im Schlafsaal ist von dem Augenblick an, da wir abends zu Bett gegangen sind, unbeschreiblich, obwohl alle Fenster ausgehängt sind. Wie soll das im Herbst und Winter werden, wenn die Fenster wieder eingehängt worden sind und wir die Wärme drinnen halten müssen? Gott gebe, daß es nicht so lange dauern wird.

Zur Essenszeit im Speisesaal zu sein, ist eine Tortur, wie überhaupt die ganze Zeit, solange wir uns ,, zu Hause" im Lager aufhalten, sowohl morgens wie abends. Man muß sich durch­kämpfen zwischen nackten und halbnackten, schweißigen und schmutzigen Körpern. Einige sind voller Geschwüre, andere unsagbar schmutzig. Man flucht und wettert, hohnlächelt, lacht und verzweifelt. Aber wir gehen hindurch und sind glücklich darüber, daß es doch wenigstens Landsleute und Dänen sind, die in unseren Betten liegen, sich mit uns an die Tische quet­schen, uns auf die Füße trampeln im Waschraum und in den Aborten. Es hätte schlimmer sein können. Wir hätten nämlich auch Polen und Ukrainer bekommen können, und trotz aller Menschenliebe und aller Toleranz: Es wäre entschieden schlim­mer gewesen. Denn sie sind- jedenfalls die Schlimmsten von ihnen noch schmutziger, noch unsauberer als die Schlimmsten von uns. Ob man sich das nun als einen Dauerzustand oder als Übergangsstadium gedacht hat, weiß ich nicht. Ich möchte annehmen, daß es ein Dauerzustand wird. Es ist wahrscheinlich, daẞ ständig mehrere tausend Gefangene und Flüchtlinge hier ankommen werden im gleichen Maßstab, wie die Russen näher rücken. Später geschieht dann vielleicht dasselbe im Westen, wenn Engländer und Amerikaner vorgehen.

Als wir heute morgen nach der ersten engen Nacht auf un­seren Arbeitsplatz marschierten, erlebten wir einen traurigen Anblick auf der Hauptstraße von Sachsenhausen. Ein unend­lich langer Zug von Frauen, Kindern und Männern. Es waren Polen , einige sagten Flüchtlinge, andere sagten Gefangene, wieder andere meinten, daß es vor den Russen Geflüchtete seien. Man erzählt, sie hätten zu fünf und fünf aufgestellt fünf Stunden lang unter Bewachung hier gestanden. Es soll sich

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