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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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Der arme Joel, er ist zur Zeit nervös. Gestern schickte er nach mir, weil er mit mir sprechen wollte. Er durfte ja nicht durch die Absperrungen um die Norwegerblöcke kommen. Außer- halb des norwegischen Bezirks auf dem Platz treffe ich ihn regelmäßig und stecke ihm etwas Speck, Sardinen, Butter und Brot zu. Das ist ja auch verboten. Er hatte jetzt Angst, daß er geschnappt würde. Er ist einmal wegen Hochverrats ver- urteilt worden und hat elf Jahre gesessen. Alles hat er gesehen und erlebt. Den Schreckensmonat 1941, vom ı. September bis 15.Oktober, als zwölftausend russische Gefangene planmäßig ermordet wurden, darunter Jungen und Mädchen im Alter von dreizehn bis vierzehn Jahren. Er hat das alles gesehen und er- lebt, er wagt nur nicht, daran zu denken, er versucht, davon wegzukommen. Jetzt ist es wieder da, dringt auf ihn ein, er wird es nicht mehr los, und schwach, wie er jetzt ist, bringt ihn die Nervosität ganz aus der Fassung. Er glaubt sicher, daß er demnächst geholt werden wird, und er fürchtet, nicht lebend aus Nr. 58 oder aus dem Industrichof herauszukommen, wenn er dorthin geführt wird. Er hat selbstverständlich nichts auf dem Gewissen, aber er ist ein alter Gefangener, und man rechnet ihn zu den Kommunisten, obwohl er den Kommunismus immer bekämpft hat. Dazu kommt, daß er Journalist ist- ein sehr gefährlicher Zeuge. Sehr gefährlich. Er spricht mit keinem, hat auch keine Freunde, aber er wollte wohl gerne, daß einer Bescheid weiß, wenn ihm etwas passieren sollte. So kam er denn zu mir. Nichts kann ich für ihn tun, als ihm zuhören, sein Freund sein, vielleicht, daß ihm das hilft. Sonst kann ich ihm keinen Trost geben. Er weiß ja alles besser, hat eine weit größere Erfahrung und kennt seine Büttel durch und durch, besser als die meisten anderen. Was wird er schreiben können, falls er einmal lebend hier herauskommen sollte! Und viel- leicht wird es gerade dieser Umstand sein, der ihn jetzt ver- nichtet.

Man hat ein Freudenhaus im Lager eingerichtet. Erst wollten wir es nicht glauben, aber es ist Tatsache. Vorgestern wurde es für die Norweger geöffnet. Leider gab es einige, die hingingen, und damit ist denn die Front gebrochen. Es sind zehn Huren

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