-
16. Juni 1944
-
Wir sind lebendig begraben in einem riesengroßen Gemeinschaftsgrab, wo wir wie Maulwürfe umeinander kriechen und krabbeln. Die Lebensgeister sind gerade so weit lebendig, daß sie das Allernotwendigste für die Erhaltung des Lebens in dieser Dunkelkammer verrichten. Auch hier ist Krieg ein Krieg aller gegen alle. Ein abstoßender, stupider Kampf ums Dasein, um sich so lange wie möglich zu halten. Viele gehen in diesem Kampf unter. Die schieben uns beiseite, drücken sie hinunter in die Erde, und stoßen uns weiter. Gewissenlos sind wir, ohne Mitleid mit dem Nächsten, ohne Gedanken an etwas anderes als daran, alles für uns selbst zusammenzukratzen, um unsere armseligen Kadaver so lange als möglich am Leben zu erhalten. Solange wir genug zum Leben haben und der Untergang etwas in die Ferne gerückt ist, kennen wir sogar ein gewisses Wohlbefinden das glauben wir jedenfalls. Wir bringen es sogar fertig, gemütlich miteinander zu reden und lustig zu sein. Das ist Galgenhumor und schmeckt bitter und schlecht wie das ganze Dasein überhaupt. Die häufigsten, amüsantesten und am besten gelungenen Witze sind immer diejenigen, die auf den Krematoriumsschornstein hinspielen, etwa derart, daß der oder jener diesen Weg bald gehen wird. Das wird lediglich mit dem Daumen angedeutet. Dann verstehen alle, was gemeint ist, und amüsieren sich laut darüber. Wenn einer, der zu unserem näheren Bekanntenkreis gehört, jenen Weg tatsächlich geht, dann rückt uns der Spaß schon etwas näher. Eine Art ferner Widerschein von etwas, das wenig an Sorge erinnert, mehr an Angst oder Nervosität, streift einen und wühlt eine Weile in den Gedanken und im Gemüt, bevor er Raum gibt für andere, mehr lebensnahe und in bezug auf das Essen nützlichere Reaktionen. Die Menschen sind im Grunde genommen Schweinehunde, und wir bilden alle keine Ausnahme. Es ist nur eine Einbildung, das zu glauben.
17. Juni 1944
Der Rottenführer war heute in glänzender Verfassung. Haß und Rache funkelten in seinen Augen, und es war deutlich zu
172


