31. Mai 1944
So ohne weiteres ging der Monat Mai vorüber- und es geht auf Mittsommer zu. Johannisfest! Helle Sommernächte- geblümte Kleider- Wärme und Blumenduft. Ja, Blumenduft- wie entbehren wir doch Blumenduft hier in dieser Sandwüste. Nur der Gedanke an Veilchen und Maiglöckchen und alle die anderen Blumen zu Hause zaubert die wundervollsten Bilder hervor und Erinnerungen. Aber hier ist Sachsenhausen- nur das staubige, schmutzige, entsetzliche Sachsenhausen. Und nichts geschieht.
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6. Juni 1944
Die Invasion begann heute morgen. In der Normandie . Heute mittag werden von beiden Seiten schwere Kämpfe gemeldet. In den frühen Morgenstunden und im Laufe des Tages sollen große Truppenmengen gelandet sein. Natürlich auch eine große Anzahl Fallschirmtruppen. Man hört noch nichts darüber, ob es gelungen ist, einen Brückenkopf zu bilden.
Das kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich hatte beinahe den Gedanken an diese ewige Invasion aufgegeben, an diese zweite Front, die jetzt beinahe drei Jahre in unseren Köpfen herumgespukt hat. Und jetzt kracht es los! Gott , was für eine Hölle! Das, was wir vom Bombenkrieg gesehen und erlebt haben, wird wohl nur ein blasser Abglanz der Hölle sein, die sich jetzt in der Normandie ausbreitet und sich weiter über das unglückliche Frankreich ausdehnen wird.
7. Juni 1944
Heute kann man hier von Feststimmung sprechen, so zynisch es sich auch anhören mag angesichts jener Schrecken, die sich jetzt dort im Westen abspielen. Aber es läßt sich nicht leugnen: Das Lager ist wie verhext. Es wird gepfiffen, gesungen, gelächelt und gewitzelt. Eine helle Stimmung hat vollständig überhand genommen. Von jetzt ab werden die Tage nicht mehr grau und endlos sein. Die Entscheidung naht, vielleicht mit Riesenschritten. Es ist ja doch nicht verwunderlich, daß wir uns freuen trotz allem!
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