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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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Gefangene, die eine Leiche auf einer Bahre trugen. Den ganzen Platz entlang, an den brüllenden Zuschauern vorbei. Plötzlich wurden auch die Träger sehr interessiert an dem Kampf. Sie setzten die Leiche hin, zündeten ihre Stummel an und be­gannen, dem Kampf zu folgen. Als der spannende Augenblick vorbei war, gingen sie zur Leiche zurück und setzten den Transport zum Leichenhaus fort, während von sämtlichen Lautsprechern lustige Operettenmusik ertönte.

Gestern und auch vorgestern besuchten wir Frode, der immer noch auf dem Revier liegt. Er ist jetzt beinahe gesund- aber mager. Harald Schwenzen der von Lichterfelde gekommen ist, wurde eingeliefert wegen einer Wunde am Bein, die nicht heilen will. Nichts heilt hier unten. Sonst geht es ihm gut. Ein Freund, Stavrem, befindet sich unter den Verwundeten von Heinkel . Er hat einen Splitter durch den Ellenbogen be­kommen. Bestenfalls behält er einen steifen Arm. Es ist der rechte, und jetzt hat sich die Wunde entzündet. Hier entzündet sich auch alles.

4. Mai 1944

Gestern morgen wurde ein Transport nach Süddeutschland ausgesucht. Fünfhundert Mann. Wir waren etwas nervös, aber es zeigte sich, daß die Norweger nicht mit sollten. Wir genießen immer eine Sonderbehandlung. Ab und zu wissen wir nicht, was das bedeuten soll. Entgegenkommen- oder werden wir für etwas noch Schlimmeres zurückgehalten?

6. Mai 1944

Gestern wurden zehn alte Blockälteste, die früher wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt worden waren, auf ,, Transport" geschickt, d. h. in das Strafkommando von Klinker. Der Blockälteste auf 26, ein brutaler Bulle, der mich einmal schlug, als ich im Bad war, gehörte auch dazu. Einige von ihnen waren ebensolche Rohlinge wie er. Es waren alles Deutsche. Es gibt ja nur deutsche Blockälteste.

Im Lager hat ein Systemwechsel stattgefunden. Das Kom­munistenregime ist durch ein Verbrecherregime abgelöst

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