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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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Nächte und Morgen auf dem Appellplatz sind eiskalt, oft haben wir Kältegrade, während die Tage nach und nach tropisch warm werden können. Es ist jetzt verboten, einen Mantel anzu­haben, wenn das Wetter gut ist. Darum frieren auch alle beim Morgenappell und auch während des Tages, so daß sie mit den Zähnen klappern. Es ist klar, daß wir krank werden. Die meisten haben Bronchitis, viele bekommen Lungenentzündung und andere Schweinereien. Viele sterben. Das Schuldkonto wird immer größer.

Es wird gebombt und gebombt, mehr und mehr, öfter und

öfter.

15. April 1944

Jetzt ist der halbe Monat April herum, und der Frühling schickt sich ernstlich an, zu kommen. Das heißt, hier unten gibt es überhaupt keinen Frühling. Es wird nur wärmer, und plötzlich ist der Sommer da. Nein, es ist schon der Gedanke an den Frühling im Norden, der im Gemüt beißt, die Sehnsucht nach der wundervollen Zeit, die jetzt dort oben beginnt. Und dann ist man dazu verurteilt, hier in diesem Schweinestall zu leben, als Sklave bei diesem Volk, das uns so fern ist, das uns unsere besten Jahre raubt, unsere Jugend, unsere Kraft- ohne Spur von Recht, ohne Gesetz und Urteil. Auf den einfachsten Rechtsgrundsätzen wird herumgetrampelt, und unsere Men­schenwürde wird verhöhnt.

17. April 1944

Tarnopol ist erobert, und sie stehen in Sebastopol! Lemberg wird bald fallen. Tito und die Russen werden zusammen­arbeiten. Es geht vorwärts. Im Westen wird nur gebombt. Eine Welle von entschiedenem Optimismus geht wieder durch das Lager. Selbst Leute, die ausgesprochene Pessimisten sind, lassen sich auf so kurze Perspektiven wie vier Monate ein.

Gestern war ,, Länderkampf", die Stimmung war großartig. Norwegen- Deutschland. Norwegen führte lange mit 3: 1, und die Stimmung erreichte gefahrdrohende Höhen. Aber dann fielen die Norweger zusammen, die Deutschen holten sie ein

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