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schreiende Frauenstimme, begleitet von einem brüllenden Chor. Und vor mir unter der Decke zusammengekrochen- liegt Henry und stirbt. Einer der feinsten und besten Norweger , die wir hier unten gehabt haben- einer von denen, die wir so unsagbar nötig hätten- und einer von denen, die es anders verdient hätten, wenn jemand es je anders verdient hat. Er fuchtelt mit den Armen. Ich nehme seine Hände in die meinen, streiche ihm über die Stirne und nenne seinen Namen. Doch- er kommt zur Ruhe, er hatte nach etwas gesucht und hat es gefunden.
Ich werde gestoßen, falle vornüber und muß Henrys Hände loslassen. Und plötzlich werde ich gewahr, wo ich bin: auch hier mitten im Gedränge- am Bett eines sterbenden Kameraden...
Zuletzt packt mich die Verzweiflung. In mir kocht das Gefühl einer hoffnungslosen Empörung gegen diese Teufeleien, es war nicht mehr auszuhalten. Zum letztenmal kniete ich an seinem Bett nieder, zum letztenmal nahm ich seine kalten Hände in die meinen, strich ihm noch einmal über die Stirn. Dann kehrte ich mich um und floh hinaus, hinaus in den Lärm und in das Gedränge. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Er starb in der Nacht, um Viertel nach eins.
12. April 1944
Heute hat meine kleine Tochter Siri Geburtstag, und ich kann ihr weder einen Brief noch einen Gruß schicken, geschweige denn ein kleines Bild mit einem Gedicht, wie ich das vor zwei Jahren von Grini aus tat. Aber wir werden es nachholen, Siri- Piri, du bist nicht von deinem Vater weggewachsen, dessen bin ich sicher. Du wirst ihm gewiß einen kleinen Gedanken schicken, wenn er auch heute nicht bei dir sein darf. Unsere Gedanken werden einander unterwegs treffen und darüber einig werden, daß wir am nächsten 12. April ein solches Leben nicht mehr führen wollen. Dann werden wir zusammen sein, alle miteinander!
Alle im Lager husten. Es ist ein gefährliches Klima. Die
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