im Gebirge zu denken- in vergangenen Österzeiten. Die weiten, weißen Hochbflächen- die frische klare Luft- der Himmel- o, Herrgott!
9. April 1944 Jubiläums- und Ostertag! Was für ein Jubiläum und was für ein Ostern! Aber ich pfeife darauf. Ich bekam gestern wieder einen Brief von Kari. Der strahlendste Brief der Welt, voller Lebensmut und Zuversicht. Das macht mich. so glücklich. Aber mitten in diesem Rausch von Glück erreichte mich eine unsagbar traurige Nachricht: Henry liegt im Sterben. In diesem Augenblick ist er vielleicht schon tot, und ich werde ihn nie mehr wiedersehen. Er war ein so prächtiger Mensch. Ich habe keinen gesehen, der tapferer kämpfte, aber es nutzte nichts. Was für eine grenzenlose Schuld tragen jene, die ihn nahmen, und die Tausende anderer! Wie kann so etwas je ge- sühnt werden?
10. April 1944
Gestern war ich bei Henry, aber ich konnte nicht mehr mit ihm sprechen. Er hatte das Bewußtsein verloren und lag da und kämpfte seinen letzten Kampf, alleine. Henrys Bett steht gerade vor der Eingangstür des Krankensaales- mitten im Verkehr. Es ist ja Sonntag und Besuchszeit. Die Gefangenen strömen ein und aus- der Krankensaal ist groß, und es kommt viel Besuch.(Es liegen mindestens dreißig in dem Saal, der zu klein wäre für zehn Patienten in einem brauchbaren Kranken- haus.) Die Besucher drängen sich wie immer. Was geht es sie an, daß ein Gefangener im Sterben liegt? Einer von siebzehn- tausend. Sie kennen ihn ja nicht einmal. Im übrigen wollen sie ihre eigenen Freunde besuchen, die vielleicht auch im Sterben liegen- vielleicht schon tot sind.
Ein Fenster ist offen. Etwas frische Luft strömt langsam herein, ein unsichtbarer kalter Streifen in dem widerlichen Dunst, der den Raum erfüllt. Und mit der kalten Luft zu- sammen dringt auch noch etwas anderes in den Krankensaal ein— lustige Musik von den Lautsprechern draußen. Eine
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