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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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mann! Richtet euch! Mützen ab! Augen rechts!" usw. Dies ver­langen sie nun von Menschen, die auf Krücken laufen, mit ver­bundenem Kopf, Armen und Beinen. Von Menschen mit ho­hem Fieber! Ein Schauspiel, das schließlich nur National­sozialisten in Szene setzen können. Aber hier empfindet man dies eigentlich nicht als so außerordentlich. Man würde sich eher wundern, wenn solcherart nicht auch der Weg zum Arzt wäre. Mir wurde Bettschonung verordnet, nachdem ich eine Stunde lang Schlange gestanden und gefroren hatte. Ich ging dann zu Bett, es war mir dunkel und traurig zumute. Am Tag darauf war es schon entschieden besser.

Und so kam denn Weihnachten mit Essen, Gesang, Vor­stellungen, Betrieb und Gedränge. Ein merkwürdiges Weih­nachten. Einesteils war es ganz gemütlich. Jedenfalls hatten Erik, Scott, Frode und ich für eine Weile eine gemütliche kleine Ecke am Tisch. Joel kam auch auf einen Sprung und wurde be­wirtet, während das Barackengeschnatter um uns herum lärmte. ( Joel ist ein deutscher Mitgefangener- ein guter Freund und ein seltener Mensch, von Beruf war er Redakteur. Zwölf Jahre hatte er in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern zugebracht wegen seiner mutigen Meinungsäußerungen.) Das ,, Programm" enthielt nichts Außergewöhnliches, Weihnachts­unterhaltung und eine Art Weihnachtsstimmung.

Aber dann kam Överland. Er las ein Weihnachtsgedicht vor. Das war ein Erlebnis! Diejenigen, die sich vielleicht eingebildet hatten, daß ihm etwas fehle, hatten sich geirrt. Er war in seiner allerbesten Verfassung, selten hat er eine schärfere und klarere Form geprägt. Er gab dem Abend Inhalt und machte ihn zu einem Erlebnis. Aber du großer Gott, was für ein Risiko lud er sich damit auf, dieses Gedicht in sämtlichen norwegischen Ba­racken vorzutragen! Wenn das in die Hände der SS gelangt wäre, hätte das Schlimmste passieren können. Im Laufe des Abends bekamen wir auch Besuch von einem Sprechchor aus einem der anderen norwegischen Blocks. Er war frisch und gut.

Für mich gab es nur ein Großes am Heiligabend 1943: Der Brief von Kari. Er kam vom Himmel- gerade am Heiligabend. Eingeklemmt zwischen anderen auf einer Bank las ich ihn zum

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