10. Dezember 1943
Gestern abend waren Frode und ich wieder bei den Juden. Der Bericht wurde fortgesetzt- gleich düster und entsetzlich, gleich herzzerreißend! Es ist nicht zu glauben! Es ist mir noch nicht gelungen, die Eindrücke zu einem einigermaßen über- sichtlichen Bild zu sammeln. Ich werde warten müssen und weitersehen.
Vorgestern bekam ich ein Paket von Siri, Immi und Liv. Das waren erfreuliche Grüße, sowohl in bezug auf den Inhalt, der aus wunderbaren Sachen bestand, als auch wegen der Le-- benszeichen von zu Hause, die solche Pakete immer sind. Wir sind sonst sehr beschäftigt jetzt. Ich male Weihnachtsmänner am laufenden Band, Weihnachtsmänner, Enten und Schweine, und im übrigen freuen wir uns darüber, daß wir drinnen sitzen in einem relativ warmen und gemütlichen Raum. Draußen ist es manchmal kalt, und es hat etwas geschneit. Wir warten ge- spannt auf das Ergebnis der Ereignisse. Gespannt und unge- duldig!
ı1. Dezember 1943
Wieder mal Samstag! Die Zeit fliegt, aber nur, wenn man zurückdenkt, und das tut man so selten. Alle unsere Gedanken, unser ganzes Trachten sind in die Zukunft gerichtet. Der Zu- kunft gehört unser ganzes Interesse, sie soll uns all das bringen, wonach wir uns sehnen, all das, woran wir glauben und wofür wir arbeiten. Und daher kommt es, daß die Zeit doch nur langsam schleicht. Wir dürfen so wenig davon verlieren, sie wird uns kostbarer und kostbarer mit jedem Tag. Eines ist entsetzlich zu fühlen, daß man älter und älter wird, ohne etwas zu leisten- nur die Zeit hier in einem Idiotenlager totzu- schlagen, zwischen Irren und Rohlingen, ohne Möglichkeit, auch nur ein einziges vernünftiges Tagewerk zu tun, ja, bei- nahe, ohne auch nur einen vernünftigen Gedanken fassen zu können. Brutalität, Übergriffe, Gemeinheit, Stumpfsinn, von all diesen niedrigsten Eigenschaften sind wir jeden Tag um- geben. Jeden Tag. Es stellt sich heraus, daß täglich jemand im Lager hingerichtet wird. Ich habe das früher nicht gewußt.
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