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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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werden behaupten einige. Vermutlich ist das alles erfunden. Gestern geschah folgendes: Ein Rottenführer bat eine Ge­fangenengruppe, zu der auch zwei Norweger gehörten, einen Graben zu machen. Sie taten das und halfen ihm, einige erst­klassige Werkzeuge und Autoteile dort hineinzuwerfen. Er be­gründete sein Tun damit, daß dies alles für die Front bestimmt gewesen sei. Es handelte sich also um einen Sabotageakt in Gegenwart der Gefangenen. Der Mann ist ja des Todes, wenn die Gefangenen das weitererzählen. Rolf hat mit den beiden Norwegern gesprochen, die dabei waren, sonst hätte ich es für ein Gerücht gehalten, denn es ist ja eine ganz kopflose und dumme Tat. Aber bezeichnend für die Stimmung. Es kann un­möglich noch lange dauern.

5. Dezember 1943

Gestern habe ich gar nicht geschrieben. Es war alles so traurig, so unheimlich! Ich hatte gehofft, einen Brief von Kari zu bekommen, der alles wieder gut gemacht hätte. Aber es kam kein Brief. Kaum jemand bekam Post. Die Transportschwierig­keiten müssen wohl daran schuld sein. Erik, Frode und ich ließen gestern abend alle drei den Kopf hängen. Das war eine harte Enttäuschung, und all das, was vorher schon so traurig und ungemütlich war, wurde noch schlimmer. Vorgestern, als wir von der Arbeit nach Hause gehen sollten, kam der Befehl, daß sich alle sofort zum Zählen einzufinden hätten. Ein Mann sei vermiẞt. Es stellte sich heraus, daß ein Gefangener aus dem benachbarten Kommando sich irgendwo im Wald erhängt hatte. Sobald das entdeckt und ins reine gebracht war, war alles vergessen und in Ordnung. Die Zahl stimmte- inklusive einer Leiche, die man auf einer Handkarre zum Zwecke des Zählens herbeigeholt hatte.

Am gleichen Tage wurde der Leiter der Schuhfabrik, ein Hauptsturmführer, verhaftet, weil er in großem Stil geschwin­delt hatte. Zehntausend Paar Schuhe hatte er verbrennen lassen, um die Spuren seiner Schwindelaffären auszuwischen. Die Schuhe waren nämlich von gemordeten Juden gestohlen, und er hatte sie auf eigene Kosten zerschneiden lassen, um sich den

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