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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
115
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artigen Erzähler gefunden. Gestern erzählte er ununterbrochen zwei Stunden lang und rollte ein Bild auf, dessen Maßstab und Farbe so stark wirkten, daß ich mich immer noch wie gelähmt fühle. Ich muß warten. Vielleicht kann ich später an­fangen, es niederzuschreiben, jedenfalls zu versuchen, die Um­risse des Ganzen zu Papier zu bringen.

Außer den Juden, von denen ich gestern erzählte- die Uhr­macher, im ganzen 53 Mann, gibt es im Lager noch ein be­sonderes Judenkommando- 38 Mann-, die auf einer beson­deren SS - Druckerei schaffen. Diese Druckerei befindet sich in einer Baracke neben der Judenbaracke, in der wir gestern waren. Sie ist auf allen Seiten von einem undurchdringlichen doppelten Stacheldrahtnetz umgeben. Ich habe sie gestern abend gesehen. Kein Außenstehender gelangt in diese Um­zäunung. Keiner, der sich innerhalb befindet, gelangt hinaus. Diese Druckerei ist mit dem Fälschen von Dokumenten und Geld beschäftigt und produziert alle die Schwindeldruck­sachen, deren sich das Dritte Reich bedient. Aber das Unheim­lichste ist, daß man es als sicher ansieht, daß die 38 Juden, die hier beschäftigt sind, nie mehr hinausgelangen werden, damit sie nicht über das, was sie dort getan haben, berichten können. Sie wissen zu viel von all dem, was keiner wissen darf. Gestern abend in der Dämmerung stand ich da und betrachtete diese Baracke mit einem Gefühl von erstickender Unheimlichkeit. Die Stacheldrahtschirme zeichneten sich wie gespensterhafte Skelette gegen den Abendhimmel ab und betonten das Un­heimliche. Sie schließen die ganze Baracke ein wie einen Käfig mit Decken und Wänden. Ich konnte die Augen kaum davon­reißen, mir wurde schlecht, ich fühlte mich krank. Ein Gefühl der Ohnmacht greift einem an die Kehle es ist, als wenn man erdrosselt werden sollte. Und gar nichts hilft, kein Weinen, kein Schreien. Das Drama rollt weiter ab- steigt um einen auf- erfüllt einen- reißt einen mit und schleudert einen wie einen hilflosen, willenlosen, erbärmlichen Gegenstand, der nichts anderes fühlt als eine unwiderstehliche, stahlharte Macht, die einen in das Dunkel hinunterdrückt. Oh, Menschenkind! Welch ein Unglück, daß du mit einem Herzen geboren bist!

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