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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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denken wenige nach, und es graut einem davor, die Erfahrung machen zu müssen, wie wenig die meisten von uns geeignet sein werden, dort zu leben. Ja, die meisten von uns. Das ist keine Übertreibung!

Ich hatte angefangen, über das Baden zu schreiben. Wir stehen meistens eine halbe Stunde Schlange draußen in der Kälte, bevor wir hereingelassen werden. Drinnen ist Über­schwemmung von Dreckwasser. In diesem Wasser müssen wir stehen und uns ausziehen. Auf den Bänken zu stehen ist ver­boten, selbst wenn wir nur Strümpfe anhaben. Die Absicht ist die, daß wir mit Strümpfen im Dreckwasser stehen sollen. In einem höllischen Tempo müssen wir uns ausziehen, unter Verwünschungen und einem Lärm, der womöglich alles andere übertrifft. Man führt einen hartnäckigen Kampf, bis es ge­lungen ist, die Kleider auszuziehen und an die Haken zu hängen. Drinnen im Bad gilt es, unter eine der Hunderte von Duschen, die an der Decke angebracht sind, zu gelangen, um etwas Wasser an den Körper zu bekommen. Es kommt vor, daß der eine oder andere, der nicht drängen und schimpfen und fluchen kann, überhaupt kein warmes Wasser auf den Körper bekommt. Die Duschen werden alle auf einmal angedreht. Oft kommt dann brühend heißes Wasser, so daß manche Brandwunden davon­tragen. Nach einigen Minuten wird das warme Wasser abge­stellt und eiskaltes Wasser aufgedreht. Dann gibt es mehr Platz unter den Duschen. Aber dann müssen alle hinauslaufen und versuchen, mit einem taschentuchgroßen Handtuch ihren Körper trocken zu reiben und die Kleider auf die feuchte Haut zu ziehen. Man muß sich vorstellen, daß auf dem Steinboden eine Überschwemmung von Dreckwasser ist, daß wir dicht wie Heringe in der Tonne stehen, daß wir versuchen müssen, die Füße einigermaßen trocken und sauber zu bekommen, bevor wir die Strümpfe anziehen, und daß es ein Kunststück ist, die Füße in die Stiefel zu bekommen, ohne in das Dreckwasser zu treten. Man muß sich vorstellen, daß eine Reihe der Aufsicht­führenden davorsteht und brüllt und flucht, weil es zu langsam geht; diejenigen, die sich auf die Bänke hinauf­gemogelt haben, schlägt, diejenigen, die stolpern oder ähn­

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