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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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in einer der Fabrikanlagen, an die die Gefangenen vom Lager ausgeliehen wurden, ausschließlich damit beschäftigt, diese Kleider und Schuhe aufzutrennen. Denn in diesen Kleidern eingenäht fanden sie ganze Vermögen von Geldscheinen, und in den Schuhen, besonders in den hohen Absätzen der Damen- schuhe, fanden sich kleine Schatzkammern voll von Juwelen. Jeden Tag machten sie einenFang von vielen Eimern voll Juwelen und Schmuck und großen Haufen Geldscheinen. Man muß seine Phantasie zurückschicken zu jenem Märchenbuch der Kindheit vonTausendundeiner Nacht , um das Gegen- stück zu all dieser leuchtenden Herrlichkeit zu finden. Auch die Räuber sind gut getroffen, denn wem gehört eigentlich all dies Gestohlene? Die rechtmäßigen Besitzer sind in den Gas- kammern in Polen zu ewigem Schweigen gebracht worden, und niemand kann verhindern, daß die SS und die großen Fabrikbesitzer Himmler , Göring und Goebbels die Sachen übernehmen. Denn sie müssen ja schließlich auch leben, und die DAW.(Deutsche Ausrüstungswerke ) sind in diesem Falle in der Lage, etwas Zeit für anderes als Rüstungsarbeiten zu er- übrigen! Etwas nehmen sie ja auch für sich selbst für all die Arbeit, die sie haben, sowohl der Chef als auch die anderen SS -Leute-täglich ein oder zwei Eimer voll Juwelen und einige Haufen Scheine. So bekommen denn Himmler, Göring und Goebbels den Rest- wie sie meinen. Aber sie vergessen die Gefangenen, die trotz der schärfsten Kontrolle und der streng- sten Leibesvisitation täglich nach beendeter Arbeit und zwar ohne erhebliche Schwierigkeiten dafür sorgen, daß große Mengen dieser Sachen aus dem Lager verschwinden. Denn hier gibt es auch alte Verbrecher, die Erfahrung und den richtigen Griff haben, und sie kostet es keine große Mühe, sich einen Mit- arbeiter unter den SS -Wachtmannschaften zu verschaffen unter Zusicherung vonProvision. Kurz und gut: Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht die größten Schwindelgeschichten der Welt sich gerade in Sachsenhausen abspielten. Alles ist voll- kommen faul, kalt, unbeseelt und unheimlich hinter der großen Fassade, die uns empfing, als wir kamen, mit allen den wunder- vollenMeilensteinen zur Freiheit. Bezeichnend für den

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