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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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gefangen von gemeinem Diebstahl bis zu Bestechung, Kauf, Tausch und Betrug. Wenn man versuchen will, Kleider zu bekommen, die man tragen kann, dann muß man denjenigen bestechen, der sie anhat. Eine Mütze kostet soundso viele Ziga­retten oder soundso viele Eßwaren von der und der Sorte. Eine Hose, eine Jacke, eine Strickjacke usw. werden auf die­selbe Weise einkalkuliert. Man kann natürlich auch Eẞwaren ,, organisieren", ja, sogar Arbeit, eben alles, überhaupt alles! Ein norwegischer Kamerad, der ein alter Gefangener hier ist, erzählte mir, daß man in der ,, schlimmen Zeit", d. h. vor einem halben Jahr, vor einem Jahr und vor zwei Jahren, mit anderen Worten ,, früher", als alles eben viel schlimmer war als jetzt, ein Stück Wurst oder ein Stück Speck, wenn man es entbehren konnte, draußen im Lager für z. B. 20000 Dollar verkaufen konnte. Denn Geld gab es in unbeschränkten Mengen Dollars, Pfunde, Rubel- in Form von Scheinen, aber auch in Gold. Edelsteine, Smaragde, Rubine, Perlen, Diamanten, und zwar Schmuck und Kostbarkeiten aller Art gab es auch eimerweise. Aber keine dieser Herrlichkeiten ließen sich doch essen! Sogar ein vielfacher Millionär konnte armselig und hilf­los an Hunger sterben, Seite an Seite mit dem ärmsten Ukrainer­jungen. Der Wert seiner Millionen wurde mehr und mehr illu­sorisch, während der Hunger an ihm zehrte, während der Wert des Wursthappens und des Speckstückchens stieg und stieg und jeden normalen Maßstab sprengte, alle vernünftigen" Grenzen aufhob- auf dem Wege zum Wahnsinn!

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Aber hier muß eine Erklärung folgen. Geld? Juwelen? Schmuckstücke? Wo kamen sie denn eigentlich her? Und wem gehörten sie? Mehrfachen Millionären? Wie kann das zu­sammenhängen?

Von den großen Vernichtungslagern in Polen, Auschwitz , Lublin und anderen, wo Hunderttausende und aber Hundert­tausende von Juden getötet wurden, kamen ununterbrochen Züge nach Sachsenhausen, die Kleider, Schuhe und Wert­papiere der getöteten Juden enthielten. Ein besonderes Kom­mando, bestehend aus vielen Hunderten von Gefangenen, zu denen auch mein norwegischer Kamerad gehörte, war draußen

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