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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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wird? Aber welche Chancen hätte ich in diesem Falle? Ob jemand was verraten hat? Ob es zu einem Todesurteil kommt? Und wie mag es sein zu sterben?- Nein, nein! Ich will nicht und ich darf nicht sterben jetzt! Es gibt soviel, wofür ich leben muẞ! Wenn sich's doch nur noch ein paar Monate hinzögerte, bis zum Sommer oder vielleicht gar bis Herbst, dann bin ich sicher( denn länger dauert doch der Krieg bestimmt nicht!). Oh, wenn doch nur ein Glied in der Kette der Beweise fehlen möchte, so daß man mehr Verhöre nötig hat und deshalb auch mehr Zeit. Zeit, Zeit gib mir Zeit, lieber Gott, gib mir Zeit! Und die Gefängnisstille, diese tiefe, dichte, gibt keine andere Antwort, als von Zeit zu Zeit den Widerhall der schweren Schritte der Wachtposten in den Fluren oder das Knirschen ihrer Stiefel draußen in der Winternacht. Und wenn die Schritte sich entfernen und ihr Geräusch vergeht, fangen die Gedanken wieder an zu kreisen, bis sie ein leichter Morgenschlaf für ein paar Stunden unterbricht.-

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Ich möchte wissen, ob wohl auch ich Angst vor ihr, dieser Stille, hätte, wenn ich daläge und darüber grübeln würde, welche Aussichten ich selber habe. Wer hat mir übrigens er­zählt, daß ich keine ,, Sache" habe? Wer hat mir gesagt, daß ich der Zukunft unbesorgt entgegensehen kann? Wahrscheinlich sitze ich als Geisel hier. Doch nimmt man Geiseln zu dem Zwecke, daß sie büßen müssen, wenn etwas geschieht. Das, was in Frankreich möglich war, kann doch auch hier geschehen: dort erschoẞ man hundert Bürger, weil ein deutscher Offizier getötet worden war und der Mörder sich nicht meldete.- Un­möglich, daß dies auch in Norwegen geschieht, sagen alle Geiseln, mit denen ich darüber sprach. Aber keiner konnte mir das durch ein Argument wahrscheinlich machen. Keiner hatte den Gedanken zu Ende gedacht- er ging sie überhaupt nichts an. Uns kann doch nichts Derartiges passieren! Wir haben doch niemals etwas verbrochen! Wer also sollte wohl auf den Ge­danken kommen, uns hier anzutasten?- So war es ja auch da­mals, als die Leute aus der Tschechoslowakei und Wien ein­trafen und erzählten, wie man dort gegen Flüchtlinge und Juden vorgegangen sei. Genau so war's: man glaubte nicht

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