MINISTERALDIREKTOR VIEHWEG
(Hessisches Koltusministerium)
Was die Eingabe an die Koltusministerkonferenz betrifft, so teile ich Ihre Ausföhrungen ohne jeden Vorbehalt. Ge- sichts- und Tostsinn werden in allen Schularten seit mehr als einem Jahrhundert in ihrer Entwicklung und Ausbildung sträflich vernachlässigt. Die Bemöhungen, die um die Jahr-— hundertwende vom Deutschen Verein för Knabenhond- arbeit dofgenommen und von den Regierungen teils wohl- wollend geduldet, teils skeptisch betrachtet und gehemmt worden, haben nach einem kurzen Anlauf stagniert, jeden- falls sind sie längst nicht in dem Maße fruchtbar geworden, wie wir es erhofften. Ansätze zur werklichen Betätigung ond werklichen Gestaltung sind in unseren Schulen nor selten zu finden. Allerdings scheint die Hoffnung auf eine Neubelebung dieser Bestrebungen, wenn auch in anders gerichfeter und erweiterter Form berechtigt zu sein. In weiten Kreisen der Volksschöllehrer, in einzelnen der Philologen hat man den EWert werkkundlich-Kkönstlerischer Erziehung för den einzelnen Menschen-, för die Gesellschaft ond för die WMirtschaft erkannt. An vielen Stellen ist man vom Überlſegen, vom Theoretisieren zur praktischen Arbeit vorgestoßen.
An den höheren Scholen hat man den Zeichenunterricht mit gutem Erfolge reformiert. Das ist gut! Es ermöglicht den Kindern und Jogendlichen die öberwiegend intellektoelle Beldstung dorch dos geschriebene und gesprochene Wort wenn duch noör begrenzt duszugleichen.
lch teile Ihre Meinung, doß die Kunsterziehung- ich schließe in diesen Begriff auch den Unterricht in Musik ein- gerode auf der Oberstöfe nicht nour nicht verkörzt, sondern dof mindestens drei Stunden erweitert werden muß.
Wir mössen vor allem im Bereiche der Kunsterziehung— aber doch sonst- dahin kommen, daß das Unterrichts— prinzip des Schuldorfes Bergstraße(in Hessen) soweit wie irgend mõöglich verwirklicht wird. Im Schuldorf können und sollen die Lehrer an allen Schularten eingesetzt werden. Damit entfälſt duch das so sinnlose wissenschaftliche Bei- fach för die Kunsterzieher. Es soll dber keineswegs dof eine gröndliche und breite Allgemeinbildung des Kunst- erziehers verzichtet werden. Sie muß in jedem Falle stoff- bezogen sein, vom Könstlerischen getragen und bestimmt sein. Das ist möglich, es ist nicht nur möglich, es ist not— wendig! Deshalb ist duch eine schnelle Reform der Aus- bildung der Kunsterzieher im Interesse der Sache uner- läßlich.
Großstadt- Karton(Oberstofe)
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OBERSTUDIENDIREKTOR DR. ASCHENBORN, LEVERKUSEN
Die Forderung, der Kunsterziehung an den höheren Schölen den notwendigen Raum zu schaffen, die Sie an die Ständige Konferenz der Kultosminister gerichtet haben, ist in ihrem Grondsatz der Erziehung zum ganzen Menschen duch mein Anliegen, so lange die Gefahr einer Körzung des Kunst-— onterrichts besteht.
Vor allem wöre dringend nofwendig, för die in der Stun- dentafel för die gymnosialen Zweige angesetzte eine Wochenstunde der Primen wieder eine Doppelstonde ein- zusetzen. Es entspräche duch meinen Wönschen, in einigen Klassen der Unter- und Mittelstofe wahlfreien Werkunter- richt zusätzlich anzufögen, do die bestehende Doppel- stunde för freies Gestalten und Werken in dieser Stofe kaum dusreichen dörfte.
An meiner Anstalt ist bisher Kuönsterziehung in voller Stun-— denzahl durchgeföhrt und daröber hindus das Mosische mit bewußter Betonung gefördert worden. Um so stärker lehnen wir die Wahlfreiheit zwischen Kunsterziehung und Musik ab.
Es wöre zu wönschen, daß der Vorstoß des BDK allseitig unterstötzt und durch Einsicht zum Erfolg geföhrt werden könnte, wodurch im Sinne der Gesamterziehung ein großer Fortschritt erzielt wäre.
PROF. DR. HANS TINTELNOT, UNIVERSIIAT GOTTINGEN
Das mir zugegangene Memorandom lhres Bundes an die Koltosminister der westdeutschen Bundesländer habe ich aufmerksam gelesen und lebhaft begrößt. Ich beobachte seit längerem schon mit Sorge z. B. das Überbewerten der naturwissenschafflichen Fächer an den höheren Mädchen- schulen und habe duch hier in Göttingen, in Kollegs wie duf Elternversammlungen, wiederholt dauf die Gefahren hingewiesen, die eine Zuröckdrängung der musischen Fä- cher mit sich bringt. So gesehen, will mir Ihr Wemorandum stellenweise fost zu nobel und zu zuröckhaltend erscheinen! Seien Sie dlso meines ständigen Interesses versichert!
PROF. DR. STEPHAN HIRZEL
Direktor der Staatlichen Werkakademie Kassel
Eigentlich läßt es sich kaum vorstellen, daß irgend jemand stichhaltige Einwände gegen die pädagogische Forderung vorbringen kann, den Kunst- und Werkunterricht för alle Schularten und alle Klassen bis hin zum Abitur nöon endlich auf zwei Wochenstunden festzulegen. Es ist traurig, daß dieses doch so selbstverständliche Anliegen sich bisher nicht hat verwirklichen lassen. Man dorf nicht möde werden, Schulmänner und Behörden von der Notwendigkeit der Konsterziehung zu öüberzeugen.
PROF. W. HUPPERT, OBERSCHULAWT KARLSRUHHE
Akodemie der Bildenden Könste, Karlsruhe
In der heutigen Kunsterziehung lernt der junge Mensch dos eigener Anschauung heraus die Fölle der Erscheinungswelt zu öberblicken, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden und die verwirrende Vielfalt zu einem in sich geschlossenen Ganzen zu ordnen. Zeichnen, Malen ond Werken bieten die Möglichkeit, das eigene Erleben an- schaulich zu gestalten und als eine Art Selbstbefreiung zu


