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Die bildnerische Provinz in der Schule und ihre Notlage
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Auf den folgenden Bläftern wird der Versuch unternommen, einen knappen Einblick in die Aufgaben und Bedeufung der könstlerischen Jugenderziehung und in deren heutige Notflage zu vermitteln. Die deutschen Kunsterzieher wenden sich damit an alle Erziehungsverantwortlichen in den stadot- lichen und städtischen Schulbehörden, an die Mitfglieder des Deutschen Ausschusses för das Erziehungs- und Bildungs- wesen, an die Mitglieder der kulturpolitischen Ausschösse in den Landtagen und Abgeordnetenhöusern, an alle Freunde der Kunst, an alle Eltern und die Lehrer aller Fachrichtungen. Es geht darum, Mißverständnisse, Unklarheiten und Vor urteile zu öberwinden. Die Bewegung der musischen Er ziehung, fußend duf den denkwördigen Kunsterziehungs- tagungen 1901, 1903 und 1905 und auf Kerschensteiners grundlegendes Werk öber die Entfaſtung der schöpferi- schen Anlagen des jungen Menschen, hat in den nachfol- genden Jahrzehnten eine gerddezu revolutionäre Entwick- long gezeitigt. Wer vor 40 und mehr Jahren in die Schule gegangen ist und sich der domals noch recht frockenen und jogendfremden Unterrichtsmethode erinnert, mag- sofern er den heutigen Kunstunterricht nicht kennt- leicht zu fal- schen Schlössen hinsichtlich der Möglichkeiten und Wir kungen der jetzigen Unterrichtsweisen gelangen und sie ablehnen. Andere wieder meinen, in unserer Zeit der fech- nischen Perfektion habe dos Musische keinen Platz mehr zu bednspruchen; es gehe in der Schole dorum, die Jugend lebenstöchtig zu machen, d. h. sie mit nötzlichen und praktisch verwertbaren Kenntnissen doszustatten. Aber wir glauben, der Mensch könne auch heute nicht von Wissen ond Besitz allein leben. Er bedarf des zweckfreien, echten

Gebildetwerdens. Jedoch wird gerade von uns Deutschen

VORWORT

allzu leicht öbersehen, daß nicht nöur sein Verstand, son- dern doch seine Sinne und Seele sich in der Jogend voll entfalten können mössen, soll er eine Ganzheit pleiben. Sein Verlangen nach dem Schönen kann duch heufe noch nicht mittels mechanischen Bildes in Foto, Film und Fern sehen gestillt werden, sondern allein durch Begegnong mit der WEMelt der könstlerischen Aussage, des persönlich ge- stalteten Ausdruocks, des unvergänglich Hohen und Edlen. Nor als ein doch nach dieser Seite hin voll entfalfetes Individuum wird er innerlich reich und gewinnt er die Kraft, der Gefahr der Vermassung zu widerstehen. Und nöur all- seitig entwickelte Menschen- nicht Speziolisten-vermögen kuolturerhaltend und-gestaltend zu wirken.

Wir deutschen Kunsterzieher betrachten es als vornehmste Aufgabe, die musisch-schöpferischen Kräfte der Jogend zu pflegen und ihre Augen und Herzen för die in aller histo- rischen und gegenwäörtigen könstlerischen Kultur beschlos- senen Werte z9 öffnen.Wenn man aos unserem Leben herausnimmt, was der Schönheit(der Kunst) dient, so bleibt nor dos Bedörfnis, und was ist das Bedörfnis anders als die Verwahrung vor dem immer drohenden Untergang. Dies Wort Schillers wird freilich heute meist nicht mehr in sei- nem ganzen Ernst verstanden oder alsromantisch be lächelt. So sind wir Kunsterzieher in dieser weithin dmusi- schen Zeit duf die Unterstötzung durch alle diejenigen an- gewiesen, die noch an die humanisierenden Werte des Musischen glüouben und ihre Fruchtbarmachung för die Er

ziehung unserer Jogend för unerläßlich halten.

För den Bund Deutscher Kunsterzieher:

Betzler l. Vorsitzender.