DENKSCHRIFT DES BUNDES DEUTSCHiER KUNSTERZIEHER VOM 8. FEBRUAR 1954
An die Sfändige Konferenz der Költosminister
An die Koltusminister der westdeutschen Bundesländer An den Deutschen Ausschuß för das Erziehungs- und Bildungswesen
Es geht in aller Erziehung um den ganzen Menschen. Der ganze Mensch als ein zusdammengesetztes, aber einheit— liches Sein dus Geist, Seele und Körper ist in Gefahr, weil seit öber hundert Jahren in unseren Schölen die geistigen Kräfte duf Kosten der seelischen und sinnlichen Kräfte ent-— wickelt werden. Die Stoffanhäufung in allen geistes- und natorwissenschoftlichen Föchern hat dorch Generationen hindurch die sinnenhaften und seelischen Anlagen der Jogend unterdröckt.
S0 weiß der deufsche Mensch heute nun„intellektuell- wissenschaftlich einfach mehr, als er sinnenhaft sehen, ja duch nur vorstellen kann“.(Romano Guardini)
Der Verlost an ursprönglichen inneren Bildern ist die er- schreckende Folge eines dusschließlich entwickelten Intel- lekts.„Die Deufschen sind ein Volk der Ohren geworden, die Augen sind ihm dbhanden gekommen. Aber es bleibt bestehen: Das Auge ist des Leibes edelster Sinn, und seine Vernachlässigung hat sich bitter gerächt.“(Gerhard Marcks)
Das Gehör des heutigen Menschen ist abgestumpft, dos Atmen verflacht und dos Sprechen unbildhaft geworden. S0 wuörden unsere Wenschen unfähig, ihr Leben als Ganzes zu leben. Anfölligkeit för ldeologien und Schlagworte wurde die Folge, und domit ist die Gefahr der Vermassung gegeben.
Stilleben- Tempera(Oberstofe)
24
Das Massenwesen wieder zum Wenschen zu machen ist daher der wesentliche pädagogische Auftrag unserer Gegenwart. Der sinnenhaffe greifende und formende Mensch ist das vnerläßliche Korrelot zum intellekfoell begreifenden und zerlegenden Menschen. Deshalb ist„die Kunsterziehung ein pädogogisches Anliegen ersten Ranges, die den Men- schen dus seiner eigenen Bildverarmung zuröckzurufen hat“.(Philipp Lersch) Auf der Schule mössen also die seelischen Kräffe erhalten ond gepffegt werden,„ohne die der Mensch nicht Mensch bleiben kann! Ein Organ zu wecken, das ihm fast völlig verlorengegangen ist, bedeufet den Gipfel der Erziehung“. (Eduord Spranger) Die Gesamtheit der musischen Fächer schafft dieses Kor-— relat zum intellektuellen Menschen. Bundespräsident Heuss nennt die mosische Erziehung daher„die wesentliche Stufe zur Menschenbildung“. Aus allem ergibt sich: Die musischen Fächer mössen zo- sammen mit den geistes- und naturwissenschaftlichen Fä- chern bis zum leftzten Schultag wirksam bleiben. Nor ein unermödliches planmäßiges Entfalten und Pflegen der Sinne im Zeichnen und Mosizieren, des Atmens und Sprechens dorch Gesang- und Wortpflege, des Tast- und Raumsinnes durch plastisches Formen und Werken, der freien, schönen Körperbewegung dorch Turnen, Sporf und Tanz und, öber dies alles hindus, ein Durchdringen aller anderen Unterrichtsfächer mit den Kräften und Organen des sinnlichen Be- und Ergreifens der Welt wird unsere Kinder wieder zu ganzen Menschen erziehen. Deshalb richtet der Bund Deutscher Kunsterzieher an die Ständige Konferenz der Kultusminister und an die Herren Kuſtusminister der westdeutschen Bundesländer sowie an den Deufschen Ausschuß för das Erziehungs- und Bildongs— wesen die sehr dringende Bitte, der musischen Erziehung allgemein und nicht zuletzt duch an den höheren Schulen den notwendigen Raum zu schaffen. Die Bestrebung, dos Fach Kunsterziehung duf der Ober-— stöfe der höheren Schulen duf eine Wochenstunde zu be— schränken oder sogor ganz abzuschaffen, ist symptoma— tisch för die oben dufgezeigte Gefahr, in der der Mensch als Ganzes sich befindet. Auch in der Oberstufe sind zwei Wochenstunden Konst-— erziehung dos unabdingbore Mindestmaß. Wahlfreiheit zwischen Kunsterziehung und Mousik dorf es auch hier nicht geben. Jedes dieser Fächer hat seinen eigenen, den geistes- uond naturwissenschaftlichen Fächern völlig ebenbörtigen Bildungswert. Bund Deutscher Kunsterzieher:
9ez.: Betzler. Der Rat för Formgebung hat von dem obigen Antrag des BDK Kenntnis genommen und beförwortet ihn:
9ez.: Bartning. Der Kunstkritikerbund(Deutsche Sektion der Association des Critiques d'Art) nahm von obigem Antrag Kenntnis ond billigt ihn sehr.
gez.: Dr. Franz Roh. Die„Gesellschaft der Freunde der Jungen Kunst“ nahm Kenntnis und billigt den Antrag. e2.: Dr. Franz Roh.


