blematik unserer eigenen Kolſtur allein schon an dem Un— maß von Kitsch erkennen, der in den Wohnöungen der weniger Bemittelten, aber duch in den Häusern der Reichen ond duch der okademisch Gebildeten zu finden ist. Ist ein Wensch wirklich gebildet, der nicht fähig ist, den Kitsch als dos Produkt einer unechten, einer verlogenen Gesinnung zu erkennen, der also der lIlosion und der Selbsttäuschung verfälſt?
Kunsterziehung ist zunächst In dividualerziehung. Ihr ist die Aufgabe gesetzt, jeden einzelnen jungen Menschen in seinen persönlichen Anlagen und Neigungen zu er— kennen und z9 fördern, wos freilich auch bedingt, daß ihm geholfen werden moß, seine negotive Seiten zu öber-— winden. Die bildnerische Betötigung ermöglicht jedem einzelnen, sich duszusprechen. Dies hat seine geradezu therapeutische Bedeutung, wo es sich uom seelisch ge— hemmte und bedrängte Jogendliche handelt, wie sie heufe nicht gerade selten sind. Zödem sind die meisten Jogend- lichen in ihren kritischen Puberfätsjahren in schwieriger innerer Lage.
Kunsterziehung bewirkt aber duch Sozid lerziehung, wenn sich mehrere Schöler zu einer gemeinsamen Arbeit vereinen. Dann geht es um ein großes Werk, um ein großes Mosdik etwa oder um eine umfangreiche Malerei oder om die Erstellong eines Böhnenmodells mit allen zu einem bestimmten dichterischen Werk gehörenden Roumbildern ond Figurinen- oder, bei den Mädchen, efwa um das Weben oder Sticken eines größeren Wandteppichs. Do geht es denn um die Betätigung gemeinschaftlicher Tu-— genden: um Doldsamkeit, um Einordnung und darum, seine besten Kräfte anonym an das Gelingen des öbergeord-
Limburger Dom- Zeichnung(Oberstufe)
neten Ganzen zu setzen. Und in einer derortigen kleineren oder größeren Gemeinschaftsgruppe wird unweigerlich all- mählich derſenige zum Föhrer der Arbeit, der die dozu notwendigen Quœlitäten dufzuweisen hat; er wird erfah— rungsgemöß immer von den öbrigen anerkannt. Im Konst-— ond Werkunterricht bedeuten große Worte nichts, hier wird nicht öber das Wesen sozidlpolitischen Verhaltens ge- redet-dieses selbst muß wirklich beftötigt werden. Das gemeinsame Werk erzwingt es, do' es anders nicht gelingen kann. Was der Mensch leisten soll, das muß ſdos ihm selbsthervorwochsen, bekennt Goethe in seiner Pädagogischen Provinz. Alles Belehren etwo öber die not- wendige Selbstverantwortlichkeit oder öber das einheit-— liche und folgerichtige Formschaffen in der Arbeit nutzt wenig, wenn der Schöler nicht schließlich Selbstverant- wortlichkeit fatsächlich bewährt und wenn er sein eigenes oder doas gemeinsame Werk nicht einheiflich und folge- richtig aufbaut und durchföhrt. So bedeutet Kunsterziehung Wenschenerziehung und wir verstehen, was Bundespräsi- dent Heuss meinte, als er bei der Einsetzung des Deufschen Ausschusses för dos Erziehungs- und Bildungswesen ein-— dringlich duf die musische Erziehung hinwies und sie als „die wesentliche Stufe zur Menschenbildung“ bezeichnete. Kunsterziehung knöpft an den edelsten Sinn des Menschen an. Sie erzieht das Auge zum genduen Sehen, dber duch zum musischen Schouen. Sie wirkt damit der unheilvollen ond besonders bei uns Deutschen dusgeprägfen Verwor-— tong entgegen. Sie föhrt den heranwachsenden jöngen Wenschen öber sein eigenes mösisches Tun zu der großen Kunst aller Völker und ihrer unvergäönglichen Epochen. Sie läßt ihn erfahren, wos es mit der könstleri-
Bäume- ZLeichnungen(Wittelstofe)


