Sitzende Figur- Ton(Oberstofe)
Sitzende Figur- Ton(Oberstufe)
SINN UND AUFGABE DER KUNSTERZIEHUNG
Schon dos kleine Kind zeigt sich von dem storken Droang beseelt, sich mit Linien, Farben und plasfischen Formen aus— Zzudröcken. Seine unbändige Freude am Tun, am Entstehen- lassen vieladrtiger Gebilde nimmt alle seine Empfindun— gen ond Sinne in Anspruch, vornehmlich seine Gesichts— ond Tastsinne. Das Kind„spielt“, und indem es ganz„bei der Sache“ ist und spielt, ist es im Schillerschen Sinne„ganz Mensch“. Weit öber 90 v. H. aller Kinder betätigen so ihren bildnerischen Aussagetrieb, und von den Sechzehn- bis Siebzehnjährigen sind es, trotz aller nicht geringen Schol- anforderungen, immer noch weit öber 40 v. H., die dußBer- halb der Schule malen, modellieren und werken.
Es ist in erster Linie die Phantasie, die Kraft des inneren Vorstellens und alsdann die Kraft, för das in der Phantasie Vorgestellte die gemäßen Ausdrucksformen zu finden, zu erfinden, die im Konstunterricht gepflegt wird.
Im Kunst- ond Werkunterricht werden das Kind und der Jogendliche gehalten, ohne jede Anlehnung an YVorbilder, also Hgonz selbständig, wahrhaftig und beharrlich z09 schaffen. Innerhalb dieser selbstverständlichen Forderung sind sie frei. Aber wie es keine wahre Freiheit ohne Bin-— dong gibt, so unterliegen die jungen Menschen bei ihrem Ton der echten Bindung zunächst an den Werkstoff(Farben, Holz, Metall und dergleichen), deren jeder sein ihm eigen- tömliches Werkverfahren bedingt. Und es ist weiter die zu erreichende bildnerische Form(in Aufbau, Ordnung, Aus— gewogenheit, Harmonie), die den Schöler in nicht geringe Zucht nimmt.(Kein musisches Werk, ob Weisterwerk oder Schölerarbeit, kann ohne solche Zucht wachsen.) Dieser
Umstand föhrt den Schöler„von selbst“ zum kritischen Ver— halten, zum Beurteilen seiner Arbeit. Es ist erstaunlich, in wie hohem Grade schon Zehnjöhrige ihre Arbeit sachlich ond klor zu beurteilen vermögen. Dieses Urteilenkönnen, dieses Unterscheidenkönnen von Wert und Unwert aber ist es, was der Schöler doch bei der Befrachtung von Kunst— werken braucht und dort weiter differenziert.
Die Kunstbetrachtung knöpft meist unmitfelbor an dos eigene Schaffen der Schöler an; sie wächst gleichsam dus diesem hervor. So verliert sich die Begegnung mit Kunst— werken nicht in bloßes Theoretisieren, sie dringt zum we— sentlich Könstlerischen vor: zu den Fragen nach der Kraft ond Echtheit der Aussage, nach der Einheit von Gehalt und Gestalt, von Inhalſt und Form- ganz gleich, ob es sich um ein Werk der Baukunst, der Plastik, der Malerei oder der Graphik handelt.
Das bedeutet jedoch keineswegs die Vernachlässigung aller der mösischen WEVerte, die duch in den Dingen der Zweck- gestaltung, also des Gebrauchsgufes, der Innenraumge- staltung bis hin zur Städteplonung stecken können. Viel- mehr beginnt heute jede Kunstbetrachtung mit der ein-— dringlichen Beschäftigung mit den Fragen der Umwelt-— gestoltung, d. h. alles dessen, was uns allöberall umgibt. Man kann das Geschma:ckserziehung nennen, obwohl es sich hier um weit Ernsteres und Bedeufungsvolleres handelt als um bloß„Geschmackliches“, Nebensächliches. Denn wir wissen, wie jede große Kultur immer ganz selbstverständ- lich die musisch hochwertige Formöung aller Zweck- und Gebrauchsdinge einschloß. Und man mag die gonze Pro—
21


