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Die bildnerische Provinz in der Schule und ihre Notlage
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die Schönheiten der Kunst im ganzen vnd einzelnen hin- weisen, daß duoch der passive Schöler einfach nicht mehr in seinem Halbschlaf verharren konn...

Es gibt sehr viele Menschen, die nie in ihrem Leben mit Kunst in Beröhrung kommen ond deren Leben deshalb vnendlich arm ist... Besonders wichtig ist der Kunstunter- richt aber in onserer Zeit der Technik. Do viele Menschen, die meisten, gezwöngen sind, sich die größte Zeit des Lebens einer rein zweckgebundenen Tätigkeit hinzugeben, ist es notwendig, för einen Ausgleich zu sorgen, etwos zu schaffen, in dem das seelische Gleichgewicht wiederher- gestellt werden kann...

Man beginnt in der Kunstbefrachtung dof die Art der Da:rstellung zu dchten, duf die verwendeten könstlerischen Mittel, und man zieht Parallelen, die einen plõötzlich eine gonze Zeitepoche viel besser verstehen lassen...

Es ist viel schöner zu sehen, was die einzelnen VYVölker in den verschiedenen Epochen geschaffen hoben, als im Ge schichtsunterricht zu lernen, wann die grausamen Kriege wöteten, die z. T. das Geschaffene wieder zerstörtfen... Die Welſtanschauuung und die Geisteshaltung einer Zeit spiegeln sich in den Kunstwerken besser als in den Ge schichtsböchern...

Oft geschieht es erst nach mehrstöndiger Betrachfung, wirk- lich in den Gehalt eines W9erkes einzudringen. lch glüube, daß mir ohne den Kunstonterricht ganz besonders die moderne Kunst verschlossen geblieben wäre... Auch ist

Erau am Fenster- Temperamalerei(Oberstofe)

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sehr wichtig, daß wir uns selbst betätigen. Denn nöor da dorch, daß wir selbst versuchen, die Stilmittel dnzuwen- den, erkennen wir leichter den Wert eines Werkes. Erst wenn wir selbst die Linien eines Kunstwerkes nachzeich- nen(z. B. in unserer Architekturmappe), erkennen wir die Bedeutung dieser Linien för dos Gesamtwerk...

Im Kunstunterricht soll der Sinn und das Auge des Schö lers geöffnet werden för die Schönheit der Kunst, för die Zösammenstellung der Farben, för die Ausgewogenheit der formen und den Aufbau des ganzen Werkes. Durch dos Erlebnis dieser Schönheit wird der Schöler erhoben und föhlt sein Leben um vieles erweitert. Aber nicht nöor dos Geföhl för die Schönheit, Echtheit und Wahrheit soll ge- weckt und erweitert werden, sondern der Schöler, dem es mit der Betrachtung von Kunstwerken ernst ist, soll die Aussadge der Werke in sein eigenes Leben hineinnehmen ond sie, indem er ihr Tiefstes zu erleben versucht, in sich verwandeln...

Der Werkunterricht hat den Sinn, die handwerkliche und könstlerische Ader jedes Kindes zu öffnen; er soll ihm die Wöglichkeit geben, sich in eigenen Werken dusdröcken zu können... Um ein Kunstwerk schötzenzulernen, ist es gut, selbst einmal gemalt zu haben und die verschiedenen Techniken zu kennen...

Jedes Kind sucht ganz instinktiv die Formenwelt seines Innern z9uredlisieren. Unvernönftige Erwachsene werden immer versuchen, dem Kinde klarzumachen, daß die skur- rilen Linien, die seltsamen Farben, die dem Kind eine Welt bedeuten, gar nicht öbereinstimmen mit den Dingen der Wirklichkeit, und daß es sehr viel besser und vernönftiger sei, die Dinge der Wirklichkeit nochzudhmen... So wird das Denken des Kindes langsam von der Bilderwelt seines Innern abgezogen; dus dem Kind, in sich selbst ruhend und mit dem Urgrund seines Wesens verbunden, wird ein Mos- senmensch, der in sich selbst keinen Halt mehr findet, der sich an die Gegenstände klammert, die ihn umgeben, und der untergeht, wenn die sogenannte Wirklichkeit, die ihn omgibt, fragwördig wird.- Es ist sehr zu begrößen, doß der moderne Kunstonterricht das Kind gleichsam gegen diese unvernönftigen Erwachsenen in Schutz nimmt, doß er das Kind zur Selbstbefätigung anregt. Ich halte Selbstbe- tätigong för das wichtigste... Das Kind wird in frischer Natörlichkeit das Schöne bejahen, so wie jeder onver- bildete Mensch das Schöne beſdht... Es ist zu bedavern, doß Roussedu, der Zöllner, heute noch alleinsteht, doß nicht andere gleich ihm in ihren freien Stunden ihre Träume in Linien und Farben redlisieren, unstatt sich an Massen vergnögungsorten öber die Leere des Alſtags hinwegzu setzen... Die Selbstbetätigung ist die Grundlage aller Kunstbetrachtung. Erst wenn man selbst mit dem Material vertrüut geworden ist, wenn man selbst versucht hat, Far- ben dofeinander abzustimmen usw., wird mon die Kom position der Werke der großen Meister verstehen, nach- empfinden und wördigen lernen. Natörlich ist es damit allein nicht getan. Um die großen Werke zu verstehen, moß man sich immer wieder mit ihnen duseinandersetzen, denn ſe gröõßer und tiefer ein Werk ist, desto langsamer wird es sich uns erschließen. Den jungen Menschen Zugang zu den großen EVWerken z9 vermitteln, auch das ist die Aufgabe des Kunstonterrichts. lch glaube, daß ein Mensch, der von Jogend an gewöhnt ist, im Anblick der Kunst, des Ewigen schlechthin, zu leben, immun ist gegen den Tageslärm und sich niemals an Nichtigkeiten verlieren kann...