nen wir es noch erleben, daß man die innersten Aufschlösse öber die Geschichte der Menschen mindestens ebenso exokt dus den hinterlossenen Kunstwerken erhält wie aus schrift- lichen Dokumenten.
Alle Kunsterziehung moß scheitern, wenn sie on den Men- schen nor herangetragen wird, ohne daß er selber fäfig werden kann. Dichtung, Mosik, bildende Könste wenden sich an den Venschen, jo sie bedörfen seiner, um wirklich zu leben. Der Könstler ist unglöcklich ohne seine Ge— meinde. Darum wird Erziehung zum Kunsterlebnis psycho- logisch feinföhlig die Stelle dusmiffeln, von der her der Mensch selber tätig werden koann und will, wo seine in- neren Kröfte anspringen, um sich den Ertrag des Erleb- nisses zu erwerben.
Unsere westliche Welt wird bedroht von einer Art Atom- bombe des Ostens. Darunter verstehen die weitschauend Besorgten unseres Volkes jenes geistige und seelische Vo- kuum, das die Mehrzahl unserer Menschen innerlich heimat- los macht und zum Mitschwimmen in einem fröben Strome des Halbwachbewußtseins verurteiſt.
Die Erziehung zum Erlebnis unserer unvergäönglichen Kunst- werke wird allein die Gefahr gewiß nicht bannen. Aber ein Volk, das an seiner Kunst voröberginge, hätte die Kraft zum Widerstand, die Kraff zur Selbstwiederfindung ver- loren. Die Kunst ist die stärkste Kraftquelle gegen die f6d. ſiche Mechanisierung des Lebens.
MINISTERALRAT PROfF. DR. OTIO HAASE, HANNOVER
Die deutschen Kunsterziehertagungen haben seit 50 Jahren einen goten Klang, nicht nur unter Pädagogen, sondern
Porträt der Mofter- Deckfarbenmalerei(Unterstofe)
auch in der öffentlichen Meinung. Durch die ersten Kunst— erziehertagungen wurde einst der erstarrte Schulunterricht ond doröber hindus die ganze Volkserziehung in eine Be- wegung gebracht, die heute noch spörbar ist. Das wird immer ihre historische Leistong bleiben. För die Gegenwart ond die Zukunft solſte sich die Kunsterziehungsbewegung zwei Aufgaben stellen, eine alte und eine neue.
Mit der alten nimmt sie ihre ureigensten Bestrebungen dus dem Beginn dieses Jahrhunderts wieder duf. Ich meine die Geschmockserziehung. Wo es heute auf der einen Seife einen kleinen Bereich hochkulſtivierter und vollendeter Lei- stungen in Boukonst, Raumgestaltung, Graphik usf. gibt, steht duf der underen Seite ein bedrohlicher Niedergang des ästhetischen Urteils und des Geschmacks in den Dingen des fäglichen Umgangs uvnd Gebrauchs. Mit einem Ge— schmacksverfall haben immer in der Geschichte Zeiten des Niedergangs begonnen. Hier giſt es, Dämme zu bauen und neue Wege zu finden.
Die zweite und neue Aufgabe zielt auf die Besinnung, die gedankliche und geistige Neuorientierung, kurz gesagt duf die Grundkräfte, aus denen das Leben gespeist wird. Hier- zu bedarf es eines neuen Standortes. Die Kunsterziehung sollte, meine ich, zu ihren benachbarten und befreundeten Bestrebungen im Reiche des Schönen engere Verbindung suchen. Bei jedem Vormarsch in Neuland ist es got, Ge-— fährten zu haben. Ich denke an die Rhythmik, die neue Musik und das Loienspiel, also an das, was ich das mösische Quadrivium genannt habe. Es deutet viel darauf hin, daß die Menschheit in ihrer Not und Ausweglosigkeit för neue Antworten bereit ist. Hierzu vermag unter allen Grund- kräften des Lebens wahrscheinlich das Musische— ond nicht nor das in engerem Sinne Könstlerische und Kunstvolle— den besten und den sichersten Weg z9 zeigen.
BUNDESPRASIDENT PROf. DR. THEODOR HEUSS
Wir hatten im Gymnasium mit der 5. Klasse Schloß mit dem Zeichenunterricht, und dann habe ich eine Eingabe gemacht an den Gemeinderat der Stadt Heilbronn, in der drin stand: Wir möchten gern in dem Gebãude der jetzigen Robert-Meyer-Oberschule- damals Realschule und Real- gymnasium- einen Zeichensaal zur Verfögung gestellt be- kommen.-Wer„wir“? Fönf Kerle, die jetzt in die 6. Klasse aufgeröckt sind.-Und dann kam der schöne Augenblick, wo mich der domalige Rektor Dörr zitiert hat, wie ich auf die Idee komme, unmiffelbar eine Eingabe an den Ge-— meinderat zu machen. Ich habe mich nicht darauf beziehen können, daß im„Grundgesetz“ eine Eingabe an die Be— hörden oder so efwas erlaubt ist, sondern ich habe dem Rek- tor Dörr bloß ganz unbefangen gesagt:„Weil ich genau gewußt habe, bei lhnen bleibt die Eingabe liegen“. Weil er das Zeichnen för zwecklos hielt. Wir haben damals einen sozusagen revolutionären Durchsftoß erreicht, daß, solange ich duf der Schule war, wir dann Zeichenunterricht frei- willig einföhrten, weil ein paar von uns jungen Menschen spörten, daß dos also mit dazu gehöre.- W¼s will das heißen? Daß wir etwas herduskommen wollten, ich glaube auch, herdusgekommen sind, dus der Pedanterie des rein logisch unterrichtlichen Mitteilens von Stoff und ein Stöck des Schöpferisch-Mosischen duch in die Oberschule herein- gekommen ist.
Bei der Einsetzung des Deuftschen Ausschusses för das Er— ziehungs- und Bildungswesen(Herbst 1953) bezeichnete der


