lagen mitbringt, gehört nicht auf die höhere Schule, aber wer nicht duröber hinaus eine hohe allgemeinmenschliche Veranlagung mitbringt und entwickelt, verdient nicht und ist letzten Endes auch nicht imstande, einen geistigen Beruf im Dienst und zum Notzen seiner Mitmenschen duszuöben. Volles Menschentom schließt dußer intellektueller Bildung mitmenschliche Bildung, d. h. Röcksichtnahme, Opferbereit- schaft im Dienst anderer usw., und nicht zuletzt musi-— sche Bildong mit ein.
Mosische Bildung ist hier sehr weit und umfassend gemeint. Sie umschließt die Entfaltung und Pflege aller menschlichen Ausdruocksfähigkeiten und Ausdruocksbedörfnisse in Sprache, Gesang und jeder Form von Mosik, in Mimik, Gebärde und gesamtkõörperlicher Bewegung, im Zeichnen, Malen usw. Mosische Bildung in diesem Sinn ist von besonderer Be— deutung und Notwendigkeit för die Phase der Kindheit bis zum vollen Einsetzen der Pubertät, also einschließlich der onteren Klassen der höheren Schule, deren Schöler in ihrer noch ungebrochenen Ausdröcksfähigkeit, ihrer Spielfreude und ihrem Kräffeöberschuß eine musische Bildung im wei— testen Sinn nicht nur ermõglichen, sondern von ihrer Alters- entwicklung her gerodezu fordern. Eine volle allgemein- menschliche Bildung ist in dieser Zeit ohne eine umfassende mosische und mösisch-gymnastische Bildung gar nicht mög-— lich. Aber duch nach dem Einsetzen der Pubertöt, wenn sich die mösischen und könstlerischen Fähigkeiten mehr und mehr differenzieren und spezidlisieren- nach Geschlecht vnd Individuolität verschieden-, verliert die musische Bil- dung nichts von ihrer Wichtigkeit, sowohl im Sinne einer allgemeinen Geschmacksbildung und Geschmacksverede- long wie auch im Sinne der besonderen Ausbildung mösi- scher und könstlerischer Fähigkeiten in Musik, Zeichnen, Malen usw. Solange und soweit die höhere Schule allge— meine Menschenbildung in ihrer Weite und Tiefe anstrebt, wird sie duf eine umfassende musische Bildung nicht ver-— zichten können, die zum Allgemeinmenschlichen nicht nur am Rand oder zur Verschönerung, sondern im Kern dozu- gehört.
ARNO HENNIG, seit Herbst 1953 hessischer Koltusminister
Bundespräsident Theodor Heuss hat das Germanische Möo— seum in Nörnberg bei der Jahrhundertfeier eine Fluchtburg der deufschen Seele genannt. Man kann diese schöne Be-— zeichnung getrost erweitern auf dos gewaltige Erbe an Kunstwerten, das uns frotz grausamer Verluste durch die Ausbombung und vor allem dorch die Wegföhrungen dus Mitteldeutschland verblieben ist. Das Seelenleben des Menschen der Nachkriegszeit hat die Ruhe und Sammlong nicht gefunden, die ihm zur Wiederherstellung nach den Schrecknissen vieler Jahre so nofgetan häften. Die mate- rielle Bedrängnis, der Mangel, der Hunger sind es nicht gewesen, die den Weg nach innen verbaut hätten. Gerade die schlimmsten der Nachkriegsjahre haben eine verhei- Bungsvolle Aufbruchsbereitschaft gezeigt, die leider nur allzuschnell wieder in sich zusammengesunken ist.
Es zeigt sich immer deutlicher, doß der oungeschötzte Mensch von heute, wenn er nicht eine sehr willensstarke Persönlichkeit ist, immer stärker öbermächtigt wird von Ein-— flössen, die ihn zu wehrlosem Hinnehmen verurteilen durch mechanisierte Unterhaltung. Nur wenigen bleibt Zeit und Kraft zur kritischen Auswahl und zur kritischen Abschirmung
der eigenen Fassungskraft vor der UÜberflotung dorch tech- nisch allzuleicht erreichbare Zerstreuung.
Die musedlen Konstschätze werden heute zum Teil in vor-— bildlicher Weise dem Publikum erschlossen und nahege— bracht, aber eben nur dem Publikum, das hingeht.
Ein weites Feld steht der Schöle offen. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg schien der unseſige pädagogische Materialismus, der im Hineinstopfen von Stoff ins Gedãcht- nis das Wesen der Bildung sehen wollte, zum Aussterben
verurteilt. Nach 1945 hat er, getarnt als„Leistungsprinzip“
eine unerwartefe Auferstehung erlebt. Gerade deswegen könnte und mößte eine geduldige, feinföhlige, reiche Be- ziehungen zu—nderen Gebieten pflegende Erziehung zum Kunsterlebnis einen unschätzbaren Ausgleich herstellen. Aber ob das gelingt, hängt vom Lehrer db. Hier wie öber- all zeigt sich, daß die Lehrerbildung das Herz- und Kern- stöck jeder Schulreform ist.— Alle Bemöhungen um das Kunsterlebnis mössen zwei Ge- fahrenklippen umschiffen: die Bildungsphilisterei und die Passivität des Menschen.
Vor einem Gemäöälde möuß der Betrachter vor allem erst wieder sehen, vor einem Musikstöck hören und vor einer Dichtung innerlich schauen lernen. Dazo braucht man Zeit ond Gedold. Erst wenn es dorch freudiges UÜben gelungen ist, viele Kunstwerke zu lesen und zu deuten, mögen Könsfler- schicksale und Zeitumstände herangezogen werden, um dos Kunstwerk zu begreifen als dosdrucksvolles Dokument eines Zeitalters, seiner Menschen und ihres Zusammen-— lebens. Wenn eine aufgeschlossene Soziologie die Kunst nicht länger den Kunstwissenschaftern allein öberläßt, kön-
Porträt der Motfter- Deckfarbenmalerei(Mittelstufe)


