Köhe- Linolschnitt(Unterstofe)
sie hat duch eine eminent wichtige Aufgabe als Korrektor von Einseitigkeiten, die die Entwicklung der modernen Lebensform zwangsläufig mit sich brachte. So ist es ein Zog unserer Zeit, die Welt immer mehr zu einem Feld von Zwecken zu machen und in ihr nor verwertbare Sachen, aber keine Bilder mehr zu sehen, in denen das Wonder der Schöpfung unmittelbar zu uns spricht. Hierzu ein Gegen-— gewicht zu schaffen, den Wenschen dus der Verzweckung der Welt und seiner eigenen Bildverarmöung zuröckzurofen ond ihm auch die andere Seite des Lebens zu zeigen, dos ist eine der Aufgaben, die heute in der Kunsterziehung ge- sehen werden mössen. Es sind aber noch andere Zöge un— serer Zeit, die der Begegnung mit der Konst eine gestei- gerte Bedeutong verleihen. Das leben des modernen Menschen steht unter dem onverkennbaren Zeichen der Hast und der Ruhelosigkeit. Es geht auf in der Punktodlität des Augenblicks, und die Angst, die heute immer wieder als das för unsere Zeit charokteristische Lebensgeföhl ge- nannt wird, ist nicht zuletzt der Ausdruck eines gesteigerten Bewöoßtseins von der Flöchtigkeit des Daseins. Wenn es deshalb ganz so dussieht, als ob der heutige Mensch dos Geföhl för Dauer verloren habe, und es darauf ankommt, dieses Geföhl wieder zu erwecken und den Blick ins Über-— zeitliche zu lenken, so ist gerade die Kunst dazu mitbe-— rofen. Denn echte Konstwerke sind so etwas wie Fenster ins Absolute, sie sind- nach einem Wort von Hermann Hesse-„die Oberwindong von Vergänglichkeit“, sie sind, om es vorsichtiger zu sagen, zumindest Versuche zur Ewig— keit.
Und noch ein Letztes erscheint mir wichtig. Die heute sο notwendige Speziulisierung der menschlichen Tätigkeit, die öbrigens schon in der Schule beginnt, hat zur Folge, daß der einzelne sich gor nicht mehr als lebendige und ge- schlossene Einheit erlebt, daß sein Tun nicht mehr Aos— druck seiner Persönlichkeit ist, sondern immer mehr den Charakter einer notgedrungenen Erledigung annimmt. Auch hier vermag die Konsterziehung ein wirksames Gegengewicht zu schaffen, indem sie wenigstens in der Phantasiebetätigung eigenen könstlerischen Schaffens den produktiven Seelenkräften die Möglichkeit ihres Ausdrucks ond ihrer Verwirklichong gibt. Es will mir scheinen, daß
hier geradezu eine therapeufische Aufgabe zu erföſſen
ist. Die Erfahrung zeigt, daß es öberall do, wo die Mög⸗ lichkeiten des persönlichen Lebens ungelebt bleiben und
verdrängt werden, zu neurofischen Störungen kommen kann. Wenn deshalb die moderne Psychotherapie unter
Linolschnitt(Unterstufe)
Gänse-
anderem das freie Zeichnen als Mittel benötzt, um den Wenschen dos der Einseitigkeit und Verkrampfung zu lösen ond ihm domit einen Weg zur Selbstverwirklichong 20 öffnen, so sollte sich die Schule dieses Weges schon vor- beugend bedienen und gerade in dieser Wirkung der Kunsterziehung ein besonderes Anliegen sehen.
PROE. DR. WMARTIN KEILHACKER, AMOUNCHEN
Angesichts der Tatsache, daß in der Gegenwart und vor-— aussichtlich erst recht in der Zukunft immer mehr Menschen gezwoöngen sind, ihre Berufe als Spezidolisten duszuöben, d. h. daß sie in der Berufsarbeit nur einen kleinen Aus— schnitt aus der Gesamtheit ihrer menschlichen(körperlich- seelisch-geistigen) Anlagen einsetzen und zur Entfaltung bringen können, scheint es mir um so dringender notwen-— dig, daß sich die Schulen um eine gleichmäßige Entwick- long der heranwachsenden Menschen im ganzen kömmern; denn nor der Mensch wird aouf die Dauer innerlich gesund ond in vollem Sinn Mensch sein können, der seine beruf- liche Spezialistentätigkeit durch einen großen Reichtom allgemeinmenschlicher Erlebnisse und Werte duszugleichen vermag. Vermotlich werden duch nor jene Völker imstande sein, ihre in Jahrhunderten gewachsene Kuſtur zu erhalten ond in großen geistigen Leistungen immer wieder schöpfe- risch zu erneuern, deren Angehörige noch volles Menschen- tom verkörpern, nicht in einseitigem Spezialistentom zu— nehmend menschlich verkömmern und entarten. Aufgobe der allgemeinbildenden Schulen NVolksschulen, Mittel- schulen, höhere Schulen) ist es, in der Zeit der Kindheit und Jugend eine entsprechende allgemein-menschliche Ent- faltung anzubahnen und zu fördern.
För die höheren Schulen bedeutet dies, daß duch sie keine verkappten Speziœlistenschulen, nämlich in erster Linie Vorbereitungsanstalten för wissenschaftliche Hochscholen sein dörfen, sondern doaß sie in vollem Ernst allgemein— bildende Schulen sein sollen, allgemeinbildend nicht im Sinn einer enzyklopädischen Allerweltsbildung, sondern einer Bildung, die ebensosehr in die Tiefe geht wie sie Aufgeschlossenheit för alle Gebiete menschlicher Werte, nicht nor för die wissenschaftlichen, einschließt.-Die höhe- ren Schulen sollen Ausleseschulen sein, aber nicht im Sinn einseitiger Auslese intellektuoeller Anlagen unfer Außer-— achtlassung, vielleicht sogar duf Kosten der öbrigen mensch- lichen Anlagen. WEVVer nicht die nötigen intellektuellen An-


