10 Von der Unſterblichkeit des Geiſtes
Verehrer Gottes, der eifrige Freund des Rechts und der Wahrheit unter ſo vielen Bedruͤckungen und Lei⸗ den, er war ein Spiel der Leidenſchaften, des Eigen⸗ ſinns, der Bosheit maͤchtiger, liſtiger und ſchaͤndli⸗ cher Menſchen, er wurde von dem Boͤſewicht, den Zufall oder Kunſt oder wohl gar Laſter uͤber ſeine groͤſtentheils unendlich beſſere Bruͤder erhoben hatte, wie ein Wurm unter den Fuͤßen zertreten, und nun ſoll im Tode alle ſeine Hofnung und mit der⸗ ſelben alle erfreuende Belohnung der Tugend auf immer dahin ſinken! Muß denn nicht alle Ermun⸗ terung, aller Reiz, edel und gut zu handeln, dahin ſterben? Waͤre es denn nicht beſſer, mich jeder Lei⸗ denſchaft in die Arme zu werfen, jedem Triebe meines Herzens nachzugehen, jeder Begierde ein Opfer zu bringen, und wenn ich ſo ſagen ſollte, der Freude meines Lebens zu genießen, als mir ſelbſt Feſſeln anzulegen, und der Wahrheit und Tugend die Freuden des Lebens, das Gluͤck meiner Erdentage, die Gunſt und das Wohlwollen der Maͤchtigen aufzuopfern. Was kan mich dann auf⸗ halten, blos nach Eigennutz, und nach den Trie⸗ ben der Sinnlichkeit zu handeln? Was iſt dann Tugend und Laſter! Was der Werth eines weiſen und guten Lebens“ Was iſt Gott, und wo iſt noch eine Regierung der Welt? Nein! es iſt eine Ewig⸗ keit und ein kuͤnftiges Leben, oder es iſt kein Gott und keine Regierung in der Welt? Je mehr ich uͤber mich, meine Schickſale und die Schickſale der
Welt nachdenke, deſto ſtaͤrker und gewaltiger wird
fuͤr mich der Gedanke und die Vermuthung einer Ewigkeit. Ich ſehe hier nur die erſten Jahre der Kindheit fuͤr den Menſchen, und nach dieſem Le⸗ ben die voͤlligere Ausbildung. Jeder Zweifel der Fortdauer von mir ſelbſt ſtoͤrt meine Ruhe, und iſt,
wenn


