Druckschrift 
Scholae Portensis A Mauritio Princ. Duce Saxoniae A. D. XII. Cal. Iunias A. MDXLIII Feliciter Conditae Sollemnia Saecularia Diebus XX. XXI. XXII. Maii A. MDCCCXLIII. Pio Festoque Ritu Celebranda Indicit Et Scholae Fautores Et Amicos Omnes His Sollemnibus Ut Benigne Interesse Velint Collegii Magistrorum Portensium Nomine Invitat / C. Kirchner ...
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen

Ueber die betonung mehrsilbiger wörter in Suchenwirts versen,

von

d. H O 5beT SA e Rn.

Die kenner altdeutscher dichtkunst wissen zwar längst, dass deren versbau, soweit hinauf seine geschichte verfolgt werden kann, im allgemeinen sich immer nach den gesetzen der wortbetonung gerichtet hat, im besondern aber von der regel, welche bei vertheilung der einzelnen glieder eines mehrsilbigen wortes unter die hebungen und senkungen des verses für jene die stärker, für diese die schwächer ins ohr fallenden silben fordert, die dichter, selbst die kunstgerechtesten, zu allen zeiten innerhalb gewisser grenzen mehr oder minder abgewichen sind. Allein es fehlt noch viel, dass diese grenzen nach der verschiedenheit der zeitalter, der poetischen gattungen und der einzelnen dichter von bedeutung genau ermittelt und übersichtlich abgesteckt wären: und doch, meine ich, wird sich ein künftiger darsteller der geschichte unserer alten verskunst der verpflichtung am wenigsten entziehen dürfen, hierüber genügende auskunft zu geben. Vorgearbei- tet ist ihm, wenn ich einzelne zerstreute bemerkungen und winke über den versbau des 13. jh. ausnehme, zeither nur, soviel ich weiss, in Lachmanns, leider auch noch nicht zum abschluss ge- kommener abhandlungüber althochdeutsche betonung und verskunst. Vielleicht möchte ihm also der folgende beitrag zur geschichte der wortbetonung im deutschen verse des 14. jh., so geringfügig er auch immer ist, nicht ganz unwillkommen sein.

A. Betonung mehrsilbiger deutscher wörter, die nicht eigennamen sind.

I. Zweisilbige. 1) Wörter, deren erste silbe stamm, deren zweite ableitung oder flexion ist und ein(nach mhd. prosodie) tonloses oder stummes e(i) enthält, haben stäts den versaccent auf der stammsilbe. Nicht minder fest verharrt er auf der zweiten silbe in allen zusammensetzungen mit den tonlosen partikeln be-, en-, ent-, er-, ge-, ver-, ze-, zer-.

2) Auch in wörtern, die auf eine tieftonige bildung oder flexion ausgehen(-aer,-aet,-ais, -ait,-ant,-àt,-eich,-eid,-ein,-inc, inn,-isch,-ist,-lein,-nüss,-Ot,-ung,-uot), steht die wur- zel überall in der hebung, die ableitung oder flexion in der senkung. Nur im reim wird der tiefton der zweiten silbe bisweilen hebungsfähig, doch ohne beeinträchtigung des tons auf der hauptsilbe, da diese in allen hierher gehörigen fällen(rüemaer 23, 42, arbait 17, 115, 137; 19, 14, wofür aber an andern stellen der dreisilbige ausgang aribait gelesen wird; fräulein 41, 1108; 31, 154, wo Wackernagel wohl ohne grund fräuwelein bessert; pfenninc 29, 124, fürstinn 41, 503, armuot 41, 546) die dritte hebung tragen muss..

3) Zusammengesetzte wörter schwanken in der betonung: bald steht die erste, bald die zweite in der hebung. Das schwanken ist jedoch nicht überall gleich stark: minder in der zweiten vers- hälfte und in wortformen, deren zusammensetzung nicht mehr deutlich erkannt oder gefühlt wurde; mehr zu anfang des verses und in wörtern, deren zweiter theil auch noch selbständig auftritt. Beide silben gehoben trifft man wieder nur, wenn die zweite den reim bildet..

a) Composita, deren zweiter theil in seinem ursprunge ganz oder doch grossentheils verdun- kelt ist, wie: ellend, leichnam, iezunt(gramm. 3, 120); ferner die zahlwörter auf-lif(-lef),-zic,

-ikst, geben den ton nie von der ersten auf die zweite silbe ab. 8